München – Herbert Hainer ist dieser Woche einer bewährten Tradition gefolgt. Allen neun Spielerinnen des FC Bayern, die bei der WM in Australien und Neuseeland im Einsatz sind, hat der Präsident des FC Bayern eine Videobotschaft zukommen lassen. Ab heute kicken die „einzigartigen Botschafterinnen unseres Clubs“, wie der 69-Jährige sagt. Im Interview beleuchtet er das Turnier.
Herr Hainer, die TV-Rechte der Frauen-WM wurden erst spät geklärt. Ärgert Sie der Wirbel mehr – oder freut Sie die Einigung?
Natürlich überwiegt die Freude: Die EM vor einem Jahr hat uns alle begeistert, der Frauen-Fußball erreicht immer mehr Fans – da wäre es undenkbar und das falsche Signal gewesen, wenn die WM nicht übertragen worden wäre. Ich bin überzeugt, dass es ein interessantes Turnier wird, und in den Ferien können auch sehr viele Mädchen und Buben zuschauen, sofern es die jeweiligen Anstoßzeiten zulassen. Ich persönlich werde so viele Spiele wie möglich verfolgen. Gleich der Auftakt von Norwegen mit unserer Tuva Hansen gegen Gastgeber Neuseeland wird interessant. Wir haben insgesamt neun Spielerinnen am Start – in sechs verschiedenen Teams. Man könnte also sagen, der FC Bayern hat neun Eisen im Feuer auf den Titel. Eine bayerische Weltmeisterin ist immer das Ziel.
Sind neun abgestellte WM-Spielerinnen ein weiteres Zeichen für die Ambitionen der Bayern, auch international?
Zunächst möchte ich an dieser Stelle Caro Simon gute Besserung wünschen: Sie wäre unsere zehnte WM-Spielerin gewesen und hätte die Teilnahme verdient gehabt. Unser Club hat die Ambition, sich international in der Spitze zu etablieren – und das sieht man auch daran, wie präsent wir bei großen Turnieren sind. Dass wir in insgesamt sechs verschiedenen Nationalmannschaften vertreten sind, spricht zudem für die Vielfalt unseres Kaders. Die Mischung macht’s –auf und außerhalb des Spielfelds. Georgia Stanway war in der vergangenen Saison ein Meister-Motor, und wir freuen uns schon auf unsere Neuzugänge Pernille Harder oder Magdalena Eriksson, die Weltspitze verkörpern.
Machen Sie sich Sorgen, dass Anspruch und Wirklichkeit im DFB-Team der Frauen ähnlich weit auseinander liegen wie zuletzt bei den Turnieren der Männer?
Vor einem Jahr ist es vor der EM auch nicht optimal gelaufen – und dann ging es bis ins Finale. Die Mannschaft hat Potenzial und eine sehr gute Mischung, von erfahrenen Spielerinnen wie Alexandra Popp oder unserer Kapitänin Lina Magull bis hin zu jungen Wilden wie Sydney Lohmann oder Klara Bühl. Es wird darauf ankommen, wie man gegen die unberechenbaren Gruppengegner startet und wer dann als erster schwerer Brocken im Achtelfinale wartet. Aber ich bin überzeugt, dass Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg die Mannschaft top vorbereitet.
Es macht den Anschein, als müssen bzw. können die Frauen die schlechte Stimmung rund um den DFB aufhellen. Ist dieser Rucksack eine zu große Last?
Man kann auf alle Fälle festhalten, dass die DFB-Frauenmannschaft authentisch und nahbar ist. Das kommt nicht nur so rüber, das spiegelt die Realität. Das ist erfrischend, das begeistert und berührt die Fans. Ich hoffe, sie behalten sich diese Mischung aus Lockerheit einerseits sowie Ehrgeiz und Siegeswillen andererseits bei. Sie sind Vorbilder, die inspirieren.
Um die Abstellungen der Bayern-Frauen im DFB-Kader hat es zuletzt Diskussionen gegeben. Haben sich die Wogen hier geglättet – oder hat der Fall Auswirkungen auf Ihr Verhältnis zum DFB?
Am Ende ringen wir alle darum, das Richtige zu tun –Vereine wie Verbände. In dem Fall ging es uns um das Wohlergehen der Spielerinnen, denn deren Belastung steigt stetig. Wir schauen schon längst wieder nach vorne: Die Wogen sind geglättet, und unser Verhältnis zum DFB ist wie eh und je gut und professionell. Wir haben ja die gleichen Interessen: Attraktiver Fußball, ohne die Spielerinnen zu überlasten.
Was würde ein deutscher WM-Titel bewirken?
Ich würde es jeder Spielerin von Herzen gönnen – nicht nur den deutschen. Ein deutscher WM-Sieg würde den Boom aber natürlich noch verstärken. Die Aufgabe lautet, dafür ein stabiles Fundament zu bauen. Die Strukturen im deutschen Frauenfußball sind leider noch nicht flächendeckend so professionell, wie sie sein sollten. Hier gibt es noch viel zu tun.
Bei der WM spielen nun erstmals 32 Nationen mit. Die richtige Entscheidung?
Es geht auf alle Fälle schnell, vor allem, nachdem bereits 2019 aufgestockt wurde. Man wird es anhand der Ergebnisse während der Gruppenphase sehen, ob es womöglich einen Tick zu schnell geht. Die Attraktivität des Turniers darf nicht leiden. Global gesehen ist es aber verständlich, dass die Teilnahme an einer WM kleineren Nationen helfen kann, den Mädchen- und Frauenfußball voranzubringen. Ab der K.o-Phase wird es dieses Jahr wohl so spannend wie nie, weil die Spitze enger zusammengerückt ist.
In Deutschland wird die Nahbarkeit und Offenheit der Frauen gerne gesehen. Sind die Frauen „hipper“ als die Männer?
Vergleiche zwischen Männer- und Frauen-Fußball sind schwierig – die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen sind hier einfach unterschiedlich. Und insgesamt ist es doch so, dass auch der Frauenfußball längst eine eigene, starke Identität entwickelt hat: Er steht für sich, hat eine enorme gesellschaftspolitische Bedeutung. Wir haben bei Frauen und Männern gleichermaßen hervorragende Vorbilder. Die Frage, wer „hipper“ ist, stelle ich mir ehrlich gesagt so gar nicht – ich glaube, dass ein Jamal Musiala bei den Fans auch recht locker rüberkommt (lächelt).
Interview: Hanna Raif