Rottach-Egern – Um Joshua Kimmich zu beeindrucken, brauchte Kim Minjae keine zehn Sekunden. Ein kurzer Handschlag, drei warme Worte, dann hatte der Regisseur des FC Bayern die Wattzahl auf dem Ergometer im Blick, auf dem der Neuzugang nach seiner Ankunft in Rottach-Egern am Dienstagabend strampelte. Kimmichs Blick war eindeutig, sein Daumen ging nach oben – und auch in der Mannschaft war somit angekommen, was die Bayern-Bosse schon lange wissen. Nämlich dass der Mann, der Lucas Hernandez in der Innenverteidigung ersetzen soll, ein Muster-Profi ist, mit jeder Faser.
Die Erleichterung, dass der 26-Jährige endlich da ist, war im Rahmen des Testspiels gegen den FC Rottach-Egern (27:0) allen Beteiligten anzumerken, sie passte bestens zum ach so fußballromantischen Abend im Stadion am Birkenmoos. Kim, am Vortag in München und wenige Stunden vor Anpfiff am Tegernsee angekommen, war sofort mittendrin, statt nur dabei – und absolvierte den Crashkurs FC Bayern in Rekordzeit. Die wichtigsten Bestandteile – ein „Servus Bayern-Fans, hier ist Kim Minjae“ in die Club-Kamera, erste Autogramme und natürlich eine persönliche Begrüßung von Uli Hoeneß – waren schnell abgehakt, der Fokus konnte sich auf den Sport richten. Nach dem Ausradeln am Dienstag stand gestern die erste individuelle Einheit für den Südkoreaner an, der den Trainingsrückstand schnell aufholen will.
Daran, dass ihm das gelingen wird, zweifelt niemand. Thomas Tuchel, der über den geglückten Transfer „einfach nur froh“ ist, geizte daher schon zum Start nicht mit Lob. Keiner der zwölf Torschützen wurde vom Bayern-Trainer nach Abpfiff überhaupt erwähnt, dafür Kim als „echter Kerl“ bezeichnet: „Er ist groß, schnell, austrainiert und superzuverlässig.“ Die Meister-Saison mit Neapel habe er „fehlerfrei“ absolviert, deshalb wollte die Transfer-Taskforce ihn auch „unbedingt haben“. Tuchel selbst hat ihm das in mehreren Videocalls mitgeteilt, war vom Live-Bild aber noch angetaner als vom virtuellen. Der 49-Jährige strahlte, als er sagte: „Ich freue mich sehr, dass er sich für uns entschieden hat.“ Nun soll es im Bayern-Trikot so weitergehen, wie es im Neapel-Dress geendet hat.
Kim, der bis 2028 gebunden ist, wird neben dem noch angeschlagenen Matthijs de Ligt die zentrale Rolle in der Innenverteidigung zukommen. Und auf dem Weg zum Abwehrboss möchte er keine Zeit verlieren. Das Angebot des FC Bayern, erst auf der am Montag startenden Asien-Tour zum Team zu stoßen, lehnte er daher dankend ab. „Auf keinen Fall“ habe er das gewollt, sagte Tuchel – und, na klar!, lobte: „Das zeigt, wie professionell, fokussiert und ernst er das nimmt.“ Kim gibt lieber Vollgas, als wohlverdienten Urlaub zu genießen. Auch das ist ein Statement. Das nächste dürfte folgen, wenn er in Tokio erstmals mit der Rückennummer 3 aufläuft – und unter anderem Paul Breitner, Bixente Lizarazu und Lucio beerbt. Über Wattzahlen wird dann niemand mehr sprechen. hlr, pk