„Die Saudis kaufen das gesellschaftliche Interesse“

von Redaktion

Experte Leo über die Image-Strategie, die fußballerische Qualität und Auswirkungen auf Europa

Mario Leo, 51, ist Autor des Buches „Kaufen Sie Ronaldo – wie Faceboook, Instagram und Google den Profifußball verändern“. Seine Firma Result Sports, eine Plattform für digitale Medien, führt er aus dem hessischen Büdingen. Die 20 Beschäftigten sitzen dort, in der Türkei, in Schottland und in Südafrika. Zu seinen Kunden gehören laut Selbstauskunft die Uefa, der Internationale Biathlon-Verband und viele weitere Clubs und Sportorganisationen.

Herr Leo, welche Ziele verfolgt Saudi-Arabien?

Das ist eine geopolitische Strategie. Der Public Investment Fund, der dem Staat gehört, hat 13 Sektoren, wie Raumfahrt, Robotik und Bildung, aber auch Unterhaltung und Sport definiert. Man möchte Saudi-Arabien der Welt öffnen. Neben Boxveranstaltungen und Golf hat Fußball das größte Interesse. Zunächst hat der Fonds Newcastle United übernommen. Jetzt möchte man die Saudi Pro League unter die Top fünf der Welt bringen.

Wie soll das gelingen?

Mit einer Doppelstrategie: Man kauft Stars aus Afrika neben den großen Social-Media-Gladiatoren wie Cristiano Ronaldo und Karim Benzema. Dadurch erweckt man Interesse, sowohl digital, als auch in Besucherzahlen – Saudi Arabien möchte möglichst viele ‚Fans’ in die Stadien bringen, auch und besonders internationale Gäste, um dadurch die Touristenzahlen und Übernachtungen deutlich zu steigern.

Hat sich der Kauf von Ronaldo für Al-Nasr trotz einem Jahresgehalt von 200 Millionen Euro gelohnt?

Wenn man digitale Kennzahlen auswertet: Ja! Al-Nasr ist bei Instagram dank der Ronaldo-Fans mittlerweile der 15.-stärkste Club, was die Followerzahlen angeht.

Was bedeuten die Transfers von Neymar, Benzema & Co. für die Fernsehrechte? Sowohl für die saudische, aber auch im Umkehrschluss für die europäischen Topligen?

Die Liga wird sehr bestrebt sein, ihre Sichtbarkeit im TV und Online deutlich zu steigern. Lokale Sportsender wie SSC werden mehr Fußball ins Programm aufnehmen. Überregionale Sender wie BeIn-Sports aus Katar könnten in einem Worst-Case-Szenario entscheiden, für Content aus der Premier League und der Bundesliga in Saudi-Arabien nicht mehr zu bieten. Man kauft das gesellschaftliche Interesse nach Saudi-Arabien.

Wer schaut das denn?

Die Menschen südlich der Sahara gucken derzeit noch vor allem die Premier League, La Liga und ein bisschen Bundesliga. Das wird sich jetzt verschieben. Die Afrikaner sind viel näher dran am Mittleren Osten. Besonders in der Region von Marokko über Tunesien und Libyen bis hin zum Persischen Golf wird eine Sprache gesprochen, arabisch, dort gibt es eine vorherrschende Religion, den Islam.

Wie gut ist die Saudi Pro League?

Hierzulande würde es in der Zweiten Bundesliga für die Topteams zu einem Platz zwischen acht und zehn reichen, denke ich. Ziel ist es natürlich auch, dass die einheimischen Talente an der Seite der neuverpflichteten Stars einen Entwicklungssprung machen und die Nationalmannschaft, die bei großen Turnieren stets früh ausscheidet, zu stärken.

Die Club-WM findet im Dezember in Saudi-Arabien statt. Passt das denn zusammen mit der Menschenrechtscharta, die sich die Fifa gegeben hat?

Die Menschenrechtscharta ist sehr wichtig, Saudi Arabien möchte anders wahrgenommen werden, aber man muss auch anerkennen: Die Arbeitsmigranten aus Bangladesch, Indien, Vietnam oder den Philippinen kommen ja nicht auf wackligen Booten in den Mittleren Osten.

Im Fall Saudi-Arabien gibt es einen gravierenden Unterschied zu Katar. Uns ist nicht bekannt, dass in Katar Menschen, die nicht einer Meinung mit dem politischen System sind, hingerichtet werden.

Das ist richtig. Saudi-Arabien stellt sich gerade ins Schaufenster mit dem Wunsch nach Wandel, aber das Schaufenster ist blutverschmiert. Natürlich wird mit den Investitionen Sportwashing betrieben, um das Image nach innen und nach außen zu verbessern. Es geht aber auch um eine gesellschaftliche Entwicklung. Saudi-Arabien hat verstanden, dass Veränderungen im Land vollzogen werden müssen, um relevanter Teil der Weltgemeinschaft zu werden.

Interview: Timur Tinc und Jan Christian Müller

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