Spielpflicht in Nationalteams?

Motivation schlägt Zwang

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Ein Hoch auf Spaniens Fußballerinnen, das kann man nicht oft genug sagen. Die klare Haltung in der Sache, die untereinander gelebte Solidarität – man würde sich so etwas in der von Männern dominierten Fußballwelt öfter wünschen. Die Strukturen wären andere. Aber hier soll es nicht um den konkreten Streit zwischen den Weltmeisterinnen und ihrem Verband gehen, sondern um das, was man in dessen Rahmen erfahren hat. Nämlich: In Spanien ist man verpflichtet, für sein Land im Sport anzutreten, wenn eine Nominierung erfolgt. Eine Weigerung kann sanktioniert werden.

Wir waren doch erstaunt, dass das in einem demokratischen Land in Europa der Fall ist. Aber uns hat auch schon überrascht, als wir vor ein paar Jahren aus Südkorea erfuhren, dass man dort aus der Nationalmannschaft nicht einfach zurücktreten kann. Ja-Cheol Koo, langjähriger Bundesligaspieler, wollte das tun, konnte aber nicht einfach nach den ihm vertraut gewordenen westlichen Standards handeln, sondern musste bei der Regierung bitten, nicht mehr berufen zu werden. Das kann man schon als staatlichen Eingriff in das Wirken eines Sportlers bewerten, der irgendwann in seiner Karriere an den Punkt kommt, dass er mit seinen körperlichen Ressourcen haushalten muss.

Klar, ein Staat erwirbt durch Förderung seiner Talente einen moralischen Anspruch darauf, dass diese mit einer guten Repräsentanz eine Art Rückzahlung leisten. Doch muss es nicht auch das Recht auf Selbstbestimmung geben? Teil einer Nationalmannschaft zu sein ist keine Wehrpflicht. Man kann es – und die meisten werden es so handhaben – als Ehre und Erfüllung betrachten, aber es sollte jedem freistehen, es anders zu sehen. Die Gründe dafür können divers sein.

Im Fußball ist es eigentlich gut geregelt. Die FIFA schützt durch Abstellungsperioden die Nationalmannschaften (besonders der kleineren Verbände) vor Abstellungsweigerungen der Clubs, doch sie greift nicht ein in das Verhältnis zwischen nationalem Verband und Athletin/Sportler. Vieles wird auch durch die Macht des Faktischen geregelt: Zwang ist nie so gut wie intrinsische Motivation. In den meisten Fällen wird man sich im Sport unkompliziert einig. Spaniens verkrusteter Fußball-Verband und seine Spielerinnen sind über diese Ebene allerdings hinausgeschossen.

Guenter.Klein@ovb.net

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