München – Lucas Höler war es, der in der 93. Minute den Freiburger Siegtreffer zum 2:1-Erfolg bei den Bayern markierte. Er verwandelte im April diesen Jahres einen Handelfmeter zum Sieg – und stand damit mit dem SC sensationell im Pokal-Halbfinale. Schlägt der Bayern-Schreck beim Aufeinandertreffen am Sonntag (17:30 Uhr) in München erneut zu? Das Interview mit dem 29-Jährigen.
Herr Höler, haben Sie am Dienstag Bayern gegen Kopenhagen geschaut?
Tatsächlich nicht. Ich habe Konferenz geschaut – also nur ein paar Ausschnitte.
Sie haben eine Menge Erfahrung: Ist es eh egal, wann und wie man die Bayern kriegt – man muss an sein Maximum gehen und hoffen, dass sie einen schlechten Tag haben?
Genau so ist es. Bayern ist die beste Mannschaft in Deutschland. Da muss schon viel zusammenpassen, damit du etwas mitnimmst. Deswegen war das Kopenhagen-Spiel auch nicht wichtig. Wir sehen Bayern jede Woche und wissen genau, wie sie spielen. Und wir wissen deshalb auch, dass es eine sehr schwere Aufgabe wird.
Was ist denn reizvoller – Europa-League-Spiele oder doch die Highlights gegen Bayern?
Für mich persönlich kribbelt die Euro League noch ein bisschen mehr, weil ich letztes Jahr die Gruppenphase verletzt verpasst habe. Deshalb freue ich mich, dass ich das nun nachholen kann. Gegen Bayern habe ich jetzt sechs Jahre lang immer wieder gespielt. Euro League ist hingegen bisher einmalig für mich.
Ist die Tatsache dennoch präsent, dass Freiburg bis auf einen Punkt an die Bayern heranrücken kann?
Ja! Wir haben gegen Augsburg drei Punkte eingefahren und sind oben dabei. Aber ehrlich gesagt ist es uns auch egal: Was bringt es uns, am siebten Spieltag einen Punkt hinter Bayern zu sein? Relativ wenig!
Wieder heißt es: Schnell 40 Punkte sammeln und dann schauen, was geht. Ist die Erwartungshaltung in Freiburg aber nicht inzwischen auch eine andere?
Beides (lacht). Wer einmal Euro League gespielt hat, will das im nächsten Jahr auch. Aber wir wissen schon auch, dass es in der Liga mal schlecht laufen kann – und du ganz schnell unten dabei bist. Diese 40 Punkte sind kein Scherz, wir meinen das ernst. Wenn das so gut klappt wie in den letzten Jahren, können wir uns im Frühjahr das nächste Ziel stecken.
Ihre Beziehung zu Freiburg wird als „Traum-Ehe“ bezeichnet – passt das? Also: Sind Sie der Parade-Freiburger?
Das höre ich natürlich immer gerne. Ich fühle mich extrem wohl hier – und der Trainer findet meinen Spielstil ganz gut (lacht). Ich passe mit meiner Art auf dem Platz perfekt zu Freiburg, und ich glaube, dass das nicht bei vielen anderen Bundesligisten so gut klappen würde. Deswegen bin ich sehr froh, hier zu sein, und Freiburg ist froh, mich zu haben. Traum-Ehe passt also schon gut.
Ihr „Bildungsweg“ war nicht der klassische. Müssen Sie bei der Diskussion um Nachwuchs-Reformen und NLZs manchmal schmunzeln?
Schon manchmal. Es gibt diesen einen Parade-Weg – und es gibt meinen Weg. Ich war früher kein Ausnahmetalent, nicht so früh so reif, dass ich mich mit Fußball so gut identifizieren konnte. Meine Eltern haben auch sehr viel Wert auf Schule gelegt, deswegen kam das nie so richtig zustande. Trotzdem hat mich der Fußball begeistert, ich habe mich Stück für Stück hochgearbeitet. Ich habe in Deutschland in jeder Liga gespielt, darauf bin ich stolz.
Thomas Tuchel haben Sie in Mainz knapp verpasst, oder?
Ganz knapp, ja. Ich habe leider nie ein Training unter ihm erlebt.
Nun können Sie erneut sein Schreck werden … ist Ihnen diese Rolle als Bayern-Schreck bewusst?
Ich höre das nicht zum ersten Mal. Wenn es noch mal so kommt, würde ich mich natürlich freuen. Und den Rest des Teams sicher auch (lacht).
Der „kicker“ hat eine Rangliste von Bayern-Schrecks herausgegeben. Sie werden da in einem Atemzug mit Lionel Messi genannt, Ihrem Vorbild.
Wirklich? Das muss ich mal nachlesen. Mit Messi in einer Liste werde ich selten genannt …
Auch Didier Drogba steht drauf. Also diverse Stürmer-Typen. Als was für einen Typen würden Sie sich bezeichnen?
Ich bin kein klassischer Mittelstürmer, der nur Tore schießt. Ich bin ein Teamplayer, dafür schätzen mich meine Mannschaftskollegen. Sie wissen, dass ich immer Vollgas und 100 Prozent gebe, mir nicht zu schade dafür bin, am Sechzehner zu verteidigen. Und wenn es dann mit einem Tor mal klappt, bin ich auch froh.
Ihr Elfmetertor zum Pokal-Aus der Bayern war der Anfang vom Ende in einer Saison, in der letztlich sogar die Führungsebene beim Rekordmeister ausgetauscht wurde. Ist Ihnen die Tragweite des Treffers bewusst?
Das war ein Schock-Moment für Bayern, das hat man gleich wahrgenommen. Es war nicht die super Saison, die Bayern sich vorgestellt hatte. Aber ich möchte mal klarstellen: wir sind daran nur im Pokal schuld!
Wie oft haben Sie sich das Tor inzwischen noch angesehen?
Irgendwann wird es der vierstellige Bereich, aber soweit bin ich noch nicht (lacht). Trotzdem schaue ich es mir immer wieder an.
Sie sagten danach: „Ich war in einem Film.“ Einem Krimi, einer Komödie?
Eine gute Mischung. Ich war relativ ruhig und entspannt, vielleicht auch einfach, weil ich so kaputt war vom Spiel. Ich wusste, dass ich mich komplett auf mich fokussieren muss, alles ausblenden. Wie laut es im Stadion war, wie laut gepfiffen wurde, habe ich erst in der Wiederholung gesehen. Ich war komplett bei mir, habe mich festgelegt auf eine Ecke – und habe es dann durchgezogen.
Beim nächsten Aufeinandertreffen waren die Bayern auf Revanche aus, im Kopf ist noch die Geste von Joshua Kimmich vor der Freiburger Kurve. Wird es diesmal ähnlich emotional?
Die Bayern waren zu dem Zeitpunkt sehr angefressen, weil sie drei Tage später auch noch zu uns kommen müssen. Jetzt wird es ein anderes Spiel. Aber wir haben schon noch im Kopf, dass unser letzter Auftritt in München ein guter war.
Nun treffen Sie auf ganz andere Bayern als damals – Stichwort: Harry Kane.
Bisher haben wir ihn alle im Fernsehen gesehen, jetzt freuen wir uns, gegen ihn zu spielen. Er ist ein Weltklasse-Stürmer, ich mag seine Art zu spielen. Ich habe ihn in England schon beobachtet, weil er nicht so ein großer Mittelstürmer ist, nicht so wuchtig. Da kann ich mich ganz gut mit vergleichen. Dafür hat er eine wahnsinnig gute Schusstechnik, einen unfassbaren Abschluss. Er hat dafür sehr viel trainiert – man kann sich da eine Menge abschauen.
Und wie sehen Sie die Rolle von Mathys Tel, der als Joker fast an Nils Petersen erinnert?
Mit 18 habe ich noch in der Oberliga gekickt… Er hingegen ist jetzt schon in der Bundesliga richtig gut drauf. Man sieht schon, was für ein Potenzial er hat. Ich glaube, das wird ein ganz Großer! Ein super Spieler, extrem athletisch, schnell, trickreich. Es ist kein Zufall, dass er so viele Tore macht. Man kann sich auf ihn verlassen: Du wirfst ihn rein und es kommt immer etwas dabei rum. Ich hoffe, dass er am Sonntag einmal aussetzt – dann kann er gerne weitermachen.
Beide jedoch sind keine deutschen Stürmer … denken Sie eigentlich auch über das Thema Nationalmannschaft nach?
Ich verfolge das DFB-Team. Und natürlich ist es ein Traum für mich, mal für Deutschland zu spielen. Aber ich bin kein klassischer Stürmer, der viele Tore schießt. Deshalb ist meine Rolle etwas schwierig. Wenn es nicht kommen sollte, bin ich da auch nicht böse.
Interview: Hanna Raif