Koan Jerome Boateng! Sah es die ganze Woche so aus, als würde der FC Bayern seinem sportlich verdienten Ex-Spieler eine Chance als Abwehr-Aushilfe geben, erfolgte am Freitag die Rolle rückwärts. Boateng wird nicht wieder im Bayern-Leiberl auflaufen. Der Teil der Fans, der über den Fußball-Tellerrand hinaussieht, dürfte froh sein. Schließlich läuft gegen den Menschen Boateng ein Prozess wegen des Vorwurfs der Körperverletzung. Thomas Tuchels Sorgenfalten allerdings werden nicht kleiner, er kann die Lücke im Abwehrzentrum nicht mit dem Ex-Nationalspieler füllen.
Natürlich weiß auch der Bayern-Trainer um die privaten Nebengeräusche, die eine Boateng-Verpflichtung mit sich gebracht hätte, allerdings hat er bisher für sich stets nur die sportlichen Argumente nach vorne geschoben. Gestern erklärte er erstmals, dass die Entscheidung „nicht nur eine sportliche Komponente“ habe. Im Club schien man dennoch lange gewillt, ihm seinen Wunsch zu erfüllen – bis die Tür dann doch zugeschlagen wurde und Boateng enttäuscht davor zurückblieb. Letztendlich war es wohl mehr als eine Hürde, über die der gebürtige Berliner stolperte. Zumindest waren die Bayern bemüht, die Meinung zu verbreiten, dass man nach dem Training mit der kompletten Mannschaft auch sportlich nicht zu 100 Prozent vom mittlerweile 35-Jährigen, der seit vier Monaten kein Pflichtspiel mehr absolviert hat, überzeugt war. Dass andere Vereinsstimmen gleichzeitig seine tollen Fitnesswerte lobten, mag jeder für sich interpretieren, wie er will.
Der Verein ist nach dem Entschluss Sieger und Verlierer zugleich. Mögliche Folge-Diskussionen um Boateng wird es nicht geben und damit mehr Ruhe. Im schlimmsten Fall hätte die Verhandlung auf die entscheidende Saisonphase im Frühjahr 2024 fallen können. Denn wann der Prozess, der wegen Verfahrensfehlern neu aufgerollt wird, fortgesetzt wird, ist offen. Ebenso das Ergebnis. Es könnte noch höher ausfallen als die 1,2 Millionen-Euro-Geldstrafe aus zweiter Instanz – bis hin zur Vorbestrafung. Natürlich ist aber auch ein Freispruch theoretisch möglich. Was aber vorerst definitiv bleibt, ist die personell dünne Abwehrdecke. Läuft alles gut, reichen Kim, Upamecano, de Ligt und Notlösung Goretzka. Wenn nicht, dürfte sich vor allem Thomas Tuchel ärgern.
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