Kane braucht mehr Tiefe

von Redaktion

Weniger Sprints, weniger Torschussvorlagen: Bislang bleibt der Sturmstar unter seinen Möglichkeiten

München – Harry Kane mache nicht nur Tore, sondern vor allem seine Mitspieler besser – so lautete oft die Antwort auf die Frage, warum man 100 Millionen Euro für einen 30-jährigen Stürmer mit nur einem Jahr Restvertrag ausgeben sollte. Und es stimmt: In seiner Zeit bei Tottenham hat der Engländer nicht nur Buden ohne Ende erzielt, sondern immer wieder auch als Spielmacher geglänzt. Gerade im Duo mit Flügelstürmer Heung-Min Son sorgte Kane regelmäßig für Vorlagen, Steilpässe und gefährliche Seitenverlagerungen. Kane als Stürmer, Kane als Zehner, Kane als Flankengeber – davon träumten auch die Bayern-Bosse. Nur: Klappt diese Spielweise auch beim FC Bayern?

Vor seinem zehnten Spiel gegen Freiburg am Sonntag (17.30 Uhr) lautet die Antwort: jein. Mit acht Toren aus sechs Bundesligaspielen ist der Engländer toremäßig voll im Soll, nur Erling Haaland ist 2020 mit neun Toren besser in seine erste Spielzeit gestartet. Und auch Kanes Vorlagenbilanz kann sich sehen lassen: Drei Assists in sechs Ligaspielen bedeuten, dass der Angreifer im Durchschnitt jedes zweite Spiel einen Treffer auflegt.

Also alles wie geplant? Nicht ganz. Drei der acht Ligatore plus seinen Treffer in der Champions League erzielte Kane per Elfmeter, auch ein vergleichsweise günstiger zu habende Stürmer hätte hier vermutlich getroffen. Dazu kommt: In Spielen, bei denen es bei den Bayern vorne nicht läuft, wirkt auch Kane immer wieder sehr statisch. Beim Champions-League-Duell gegen Kopenhagen hatte er in der ersten Halbzeit ganze sechs Ballkontakte – Torwart Sven Ulreich hatte zum Vergleich mehr als drei Mal so viele vorzuweisen (19). Am Ende wurden es 22. Zum Vergleich: Ein vermeintlich weniger spielstarker Stürmer wie Stuttgarts Serhou Guirassy kommt in dieser Saison auf durchschnittlich 45 pro Partie. Wenn das Offensivspiel der Bayern hakt, hakt es auch bei Kane. Wie viel Schuld trägt er daran?

Die Spielweise des FC Bayern ist logischerweise eine andere als bei Tottenham: Während Kane in der Premier League zwar auch Teil eines Spitzenteams war, die Spurs aber häufiger auf Konter spielten und Kane deshalb öfter Raum vor sich hatte, stößt er mit dem FC Bayern fast immer auf Abwehrketten, die sowieso tief stehen. Egal wie weit Kane sich fallen lässt: Ein gegnerischer Innenverteidiger wird dem Stürmer beim FC Bayern selten bis zur Mittellinie folgen, sodass Sané, Gnabry und Co. nicht in potenziell entstehende Lücke sprinten könnten.

Das lässt sich auch in Zahlen messen: Während Kane in seinem letzten Jahr bei Tottenham auf durchschnittlich 3,27 Torschussvorlagen pro Spiel kommt, ist es in dieser Saison bislang „nur“ knapp eine vorbereitete Chance pro 90 Minuten. Zum Vergleich: Franck Honorat, Angreifer bei Gladbach und aktuell Spitzenreiter in dieser Disziplin, kommt auf fünf Schussvorlagen.

Auch bei den erzeugten Großchancen ist Kane noch nicht im Tottenham-Modus: Mit seinen Steckpässen in die Tiefe waren Kanes Spielmacher-Qualitäten in der Premier League gefürchtet. Mit 57 angekommen Steilpässen, also anderthalb pro Spiel, war Kane in dieser Disziplin absoluter Spitzenreiter. Bei den Bayern ist es in dieser Saison bislang knapp ein Steilpass – also ca. die Hälfte weniger. Und auch in der Anzahl der Sprints, die Kane bei den Spurs oft nach eigenem Steilpass angezogen hat, um später selbst in der Box aufzutauchen, wird Kane (87) vom Stuttgarter Guirassy (134) deutlich überflügelt. Insgesamt sind Kanes Werte für einen Neuner immer noch stark, bislang bleibt der 30-Jährige aber unter seinen spielerischen Möglichkeiten.

Damit Kane seine – unbestrittenen – Qualitäten als Passgeber auch unter Thomas Tuchel ausspielen kann, muss der Trainer also entweder auf mehr Umschaltspiel setzen oder Kane wird einer seiner großen Stärken beraubt. Dass er als Neuner so oder so für viele Tore sorgt, steht außer Frage – dafür reicht schon ein Blick auf die Torjägertabelle.

VINZENT TSCHIRPKE

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