Für die Olympischen Spiele in Paris war 1500-m-Läuferin Katharina Trost bereits qualifiziert. Trotzdem gab die 28-Jährige ihr Karriereende bekannt, der Leistungssport war nicht mehr mit dem Beruf als Lehrerin zu vereinbaren. Im Interview spricht Trost (startete für die LG Stadtwerke München) über fehlende Power im Training, nächtliche Reisen und neue Strukturen im deutschen Sport.
Katharina Trost, mit 28 Jahren haben Sie Ihre Karriere beendet. Was ist passiert, seitdem Sie die Entscheidung auf Instagram verkündet haben?
Es war sehr emotional. Die Artikel, die man noch mal liest, die Nachrichten, die man bekommt, die Kommentare auf Instagram – das hat mich alles sehr berührt. Es haben mir so viele Menschen geschrieben, von denen ich es nicht erwartet hätte. Eigentlich wollte ich mein Handy nach der Entscheidung auch erst mal ausschalten, aber ein bisschen muss man ja dann doch noch erreichbar sein (lacht). Bei Instagram habe ich mir vorgenommen, die ersten ein, zwei Tage nicht in die Kommentare zu schauen und es erst mal passieren zu lassen.
Für viele Sportler ist eine Teilnahme an Olympia der größte Traum. Sie waren für Paris qualifiziert gewesen, war das kein Anreiz, bis nächsten Sommer weiterzumachen?
Das war das Schwierigste. Damit habe ich am meisten gehadert. Damit, dass ich Olympia abgesagt habe. Deshalb war die Entscheidung auch so schwierig. Ohne die Olympia-Norm wäre es mir leichter gefallen, mich vom Leistungssport zu verabschieden. Olympia mit Zuschauern, das wäre natürlich riesig gewesen. Ich hatte es aber schon seit zwei Jahren im Kopf, dass ich von Saison zu Saison entscheide, ob ich weiter machen möchte. Ob es mir noch guttut oder nicht.
Gab es einen entscheidenden Impuls, der letztlich zur Entscheidung geführt hat?
Seit der Olympia-Norm habe ich jeden Tag darüber nachgedacht. Irgendwann hat mich das ständige darüber nachdenken belastet. Mir war klar, dass ich eine Entscheidung treffen muss, weil es 24/7 in meinem Kopf war. Ich habe auf das gehört, was ich mir eh schon die ganze Zeit gedacht habe. Dass es besser für mich ist, wenn ich es sein lasse.
Sie haben schon angedeutet, dass Sie noch ein Jahr vermutlich auch gar nicht durchgestanden hätten.
Das war mit der größte Auslöser. Ich bin immer noch überrascht, dass ich die Olympia-Norm gelaufen bin. Ein, zwei Wochen vor den Deutschen Meisterschaften habe ich Trainings teilweise noch abgebrochen. Weil ich das, was mein Trainer mir zugetraut hat, einfach nicht mehr geschafft habe. Die Power war nicht mehr da. Irgendwie lief dann doch alles zusammen, es hat perfekt gepasst. Aber der Weg dahin war echt kräftezehrend. So ein paar Jahre kann man das mal machen. Aber mir hätte es, auch gesundheitlich, nicht gutgetan weiterzumachen. Das war echt das ein oder andere Mal grenzwertig.
Hat sich der Stress vor allem körperlich oder mental ausgewirkt?
Es war Beides. Der Stress war permanent da. Die Schule ist zwar mittags aus, aber man muss ja- vor und nachbereiten. Ich musste mir dann überlegen, wann ich heimfahre, damit ich es schaffe vor der Physiotherapie oder dem Training noch was zu essen. Es gab oft Tage, an denen ich zwischen 6:45 und 20 Uhr vielleicht mal 20 Minuten zu Hause war. Es ist Leistungssport. Da kann man eigentlich nicht auf dem Platz stehen, und nur noch 40 oder 30 Prozent Akku haben. Da musst du bereit sein. Wenn man beim Training schon müde ankommt, was so ein Job mit sich bringt, geht das auf Dauer nicht gut. Ich habe dann einfach im Training gemerkt: Es geht nicht mehr.
Bundestrainer Andreas Knauer hat in der SZ erzählt, dass Sie sich nach der Olympia-Norm um halb drei nachts zum Flughafen gefahren sind, um am nächsten Tag für Elterngespräche wieder in der Schule zu sein.
Während der Wettkampfsaison hast du halt nie die Zeit runterzukommen. Man macht alles irgendwie zwischen Tür und Angel. Vormittags die Schule, dann Physio, Training. Am Wochenende auf Reisen, oft nachts zurück. Am nächsten Morgen dann wieder Schule. Ich hatte keine Zeit, abzuschalten. Und das braucht man aber, sowohl im Beruf als auch im Sport. Diese Ruhepausen hatte ich selten bis gar nicht.
War es für Sie zum Beginn der Karriere eine Option, sich zunächst ausschließlich auf den Sport zu fokussieren?
Für mich war es wichtig, dass ich eine abgeschlossene Ausbildung habe, wenn ich fertig bin mit dem Sport. Der Sprung ins Berufsleben nach dem Leistungssport, wenn man quasi von null anfangen muss, ist deutlich schwerer. Das ganze Leben ändert sich ja dann noch mal. Und finanziell: Es gibt in Deutschland Möglichkeiten, man kann zur Bundeswehr, zur Polizei. Das klappt aber auch nur, wenn man ein bestimmtes Niveau schon erreicht hat. Ich war erst so gut, dass ich dort hätte aufgenommen werden können, als ich mit meinem Studium schon fast fertig war. Wenn man in Topform ist und bei Olympia startet, kann man vom Sport in Deutschland eventuell leben. Aber das ist ja super unsicher. Da verletzt man sich einmal und ist raus. Man will ja nicht plötzlich mit leeren Händen dastehen. Nur Leistungssport wäre bei mir nicht gegangen, ich wollte eine Sicherheit haben.
Klingt nicht danach, als gäbe es für Sportler in Deutschland die optimale berufliche Förderung.
Die Strukturen müssen geändert werden. Es hapert an der Vereinbarkeit zwischen Sport und Beruf. Gerade während des Studiums oder auch danach. Wenn du arbeiten willst, sagen viele Unternehmen, entweder Vollzeit oder gar nicht. Wenn Teilzeit bei mir möglich gewesen wäre, hätte ich es mir auf jeden Fall noch mal überlegt mit dem Karriereende. Dann wären auch die letzten Jahre anders verlaufen, weil der Stress ein bisschen rausgenommen worden wäre.
Wie blicken Sie auf Ihre Karriere zurück?
Ich bin total zufrieden und stolz auf mich, wie weit ich gekommen bin. Ich stand bei Olympischen Spielen, bei Weltmeisterschaften. Die EM in München werde ich immer in Erinnerung behalten, alle meine Freunde waren da, meine Familie. Das war ein absolutes Highlight. Es war wahnsinnig schön, im Olympiastadion zu laufen.
Würden Sie also sagen, der Leistungssport hat Ihnen mehr gegeben als genommen?
Auf jeden Fall. Ich habe mir das ja alles bewusst so ausgesucht. Ich wurde nicht sagen, dass der Sport mir irgendwas genommen hat, sondern hauptsächlich gegeben. Ich habe auch weiter Lust zu laufen, daran liegt es nicht. Nur das ganze Drumherum hat es mir halt schwer gemacht.
Interview: Nico-Marius Schmitz