Die neue Macht aus der Wüste

von Redaktion

Saudi-Arabien drängt in den Fußball – unsere Serie beleuchtet das Königreich

VON PHILIPP KESSLER

Riad – Ein Land im Wandel. Imposante Wolkenkratzer und westliche Luxus-Marken auf der einen, unzählige Baustellen und traditionelle Läden auf der anderen Seite. Klar ist: Geld spielt hier keine Rolle. Mit der Vision 2030 will Kronprinz Mohammed bin Salman (38) Saudi-Arabien in rasanter Geschwindigkeit unabhängiger von fossilen Brennstoffen machen. Ein Prestigeprojekt der königlichen Regierung. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Sport, speziell der Fußball.

Seit Anfang des Jahres locken die Saudis Superstars in die Wüste. Den Anfang machte Cristiano Ronaldo mit seinem Wechsel zu Al-Nassr im Januar. Verdienst? Angeblich rund 200 Millionen Euro pro Jahr. Netto versteht sich. Neymar (31/Al-Hilal), Sadio Mané (31/Al-Nassr) oder Roberto Firmino (32/Al-Ahli) folgten dem mehrmaligen Weltfußballer im Sommer. Finanziert durch den saudischen Staatsfonds PIF. Krönender Höhepunkt soll die Weltmeisterschaft 2034 werden. Die Bewerbung dafür gab der saudische Fußballverband am Montag bekannt. „Eine WM in Saudi-Arabien auszutragen, würde alles für uns bedeuten“, so Verbandspräsident Yasser Al Misehal (49). „Wir sind eine Fußballnation. Dies ist woraus Träume für alle Generationen gemacht sind. Egal, ob jung oder alt, Jungs oder Mädchen.“

Bis 2034 wolle Saudi-Arabien zu den 20 besten männlichen Fußballnationalmannschaften gehören. Al Misehal: „Die WM 2034 ist unsere Einladung an die Welt, um Saudi-Arabiens Entwicklung zu sehen, seine gastfreundliche Bevölkerung, Kultur und -Erbe zu erleben und Teil seiner Geschichte zu werden.“

Ja, das konservative Saudi-Arabien präsentiert sich seit rund fünf Jahren weltoffener. Einige Regelungen wurden im islamischen Staat gelockert. Frauen dürfen mittlerweile Auto fahren und als Zuschauerinnen zu Fußballspielen ins Stadion. Seit 2021 gibt es auch eine Frauen-Fußballnationalmannschaft. Trotzdem sehen westliche Experten die Menschenrechtslage weiter kritisch. Dem Königreich wird zudem vorgeworfen, sein Image durch finanzielles Engagement im Sport, sogenanntes Sportswashing, aufpolieren zu wollen. Die Formel 1, Boxkämpfe oder Golfturniere wurden bereits ins Land geholt. Dem Fußball wird aber am meisten Aufmerksamkeit geschenkt: Die FIFA Club-WM findet im Dezember in Saudi-Arabien statt, 2027 folgt die Asien-Meisterschaft. „Wenn Sportswashing mein Bruttoinlandsprodukt um ein Prozent steigert, dann machen wir weiter damit. Es ist mir egal“, sagte Kronprinz bin Salman vor Kurzem dem US-Sender Fox News. „Ich habe ein BIP-Wachstum von ein Prozent durch den Sport und strebe weitere eineinhalb Prozent an, nennen Sie es wie auch immer Sie wollen, wir werden diese eineinhalb Prozent bekommen.“

Saudi-Arabien polarisiert. Unsere Zeitung ist deshalb vor Ort im Land, das flächenmäßig rund sechsmal so groß wie Deutschland ist, aber nur knapp 37 Millionen Einwohner (Stand 2022) hat. In einer mehrteiligen Serie kommen Fußballverantwortliche und Menschenrechtsexperten zu Wort. Der erste Gesprächspartner ist Oliver Kahn (54), der im September selbst Saudi-Arabien besuchte.

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