„Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß“

von Redaktion

Ex-Bayern-Boss Oliver Kahn über seine Reise nach Saudi-Arabien und die Zustände dort

Nach seinem Aus als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern war es lange Zeit ruhig um Oliver Kahn (54). Im September sorgte der ehemalige Weltklasse-Torhüter aber wieder für Aufsehen. Grund: sein Trip nach Saudi-Arabien. Im Interview mit unserer Zeitung äußert sich Kahn nun über seine Eindrücke vor Ort.

Herr Kahn, wie kam Ihre Reise zustande?

Nach Riad wurde ich eingeladen, um eine Präsentation über Fußballclubs in Europa zu halten. Vor Ort habe ich mir ein Bild über die Entwicklung der Saudi Professional League gemacht. Dazu gehörten neben einem Besuch beim saudi-arabischen Fußballverband auch die Besuche bei Al-Hilal und Al-Nassr, beides Clubs, die in Riad beheimatet sind. Auch in den kommenden Wochen und Monaten werde ich Reisen in verschiedene Länder unternehmen – unter anderem auch Indien und die USA, um neue Eindrücke über Trends und Entwicklungen im Fußball zu sammeln.

Auf Social Media haben Sie Bilder mit Cristiano Ronaldo oder Neymar gepostet und für Ihre Reise viel Kritik geerntet. Hat Sie das überrascht?

Die Reaktionen in den Sozialen Medien waren erwartbar. Ich bin grundsätzlich ein Freund davon, sich die Gegebenheiten selbst vor Ort genau anzuschauen, bevor man sich eine Meinung bildet. Die Welt ist etwas komplizierter als manche sie darstellen. Sie ist nicht nur schwarz und weiß.

Saudi-Arabien betreibt Sportswashing. Auch die Menschenrechtslage ist problematisch. Wie sehen Sie die Situation dort?

Der Antrieb hinter den enormen Investitionen ist der zielstrebige Umbau der Wirtschaft und der Gesellschaft Saudi-Arabiens. 60 Prozent der saudi-arabischen Bevölkerung sind unter 40 Jahre alt. Diese Gruppe hat ein großes Interesse an Unterhaltung und Sport. Dementsprechend hoch sind auch die Investitionen in diesen Bereich. Das Land befindet sich in der Phase des Wandels. Der Fußball ermöglicht es, Vorstellungen und Werte zu platzieren und kann immer ein Mosaikstein sein, um weitere Veränderungen anzustoßen. Dafür braucht es Begegnung und Austausch.

Sie haben bereits 2017 mit dem saudi-arabischen Verband Projekte im Fußball umgesetzt. Welche Entwicklung hat seitdem stattgefunden?

Das Land öffnet sich nach außen und verändert sich im Inneren in einem erstaunlichen Tempo. Eine Reihe von Reformen sollen das Land moderner, liberaler sowie wirtschafts- und tourismusfreundlicher machen. Das Kinoverbot wurde aufgehoben und die Rechte von Frauen sukzessive gestärkt. Auch die Regeln zur Geschlechtertrennung wurden schrittweise gelockert.

Immer mehr Superstars zieht es in die Saudi Pro League. Es liegt nahe, dass sie nur das Geld lockt…

Natürlich spielen wirtschaftliche Interessen immer eine Rolle. Aber viele Menschen spüren, basierend auf der „Vision 2030“, eine Aufbruchstimmung im ganzen Land. Das ausgegebene Ziel, in Zukunft zu den besten Ligen auf der Welt gehören zu wollen, hat sicher zusätzlich für viele Spieler seinen Reiz.

Sie haben verraten, dass sich Ihr 12-jähriger Sohn die Saudi Pro League aufgrund von Ronaldo, Benzema & Co. ansehen würde. Schauen Sie die Spiele regelmäßig gemeinsam?

Junge Menschen folgen den Top-Stars unabhängig davon, in welchem Club sie spielen. Wenn Al-Nassr mit Ronaldo und Mané, Al-Hilal mit Neymar oder Al-Ittihad mit Benzema spielen, dann interessiert es sie eben. Allerdings schauen junge Fußballfans nur noch sehr selten 90 Minuten, sondern meistens nur die Highlights. Die schaue ich mir dann auch an.

Wie weit ist das Niveau noch von den europäischen Top-Ligen entfernt?

Das ist eine sehr spannende Frage. Da gilt es noch einiges aufzuholen. Beim Fanerlebnis, der Infrastruktur, bei der Ausbildung eigener Spieler und auch beim Aufbau von Managementkapazitäten gibt es noch viele Potenziale.

Müssen Bayern München, Real Madrid & Co. bald vor den Saudi-Clubs zittern?

Sportlich im direkten Wettbewerb sicher noch nicht, aber was den Transfermarkt angeht, gibt es einen neuen Player, den viele europäische Clubs schon zu spüren bekommen haben. Die Vereine in Saudi-Arabien haben bereits im abgelaufenen Transfersommer über eine Milliarde Euro für Spielertransfers ausgegeben. Ich glaube allerdings nicht, dass das so weitergehen wird, denn auch die Clubs in Saudi-Arabien müssen unter ihrem aktuellen Eigentümer zeitnah nachhaltig wirtschaften.

Könnten Sie sich vorstellen, dort zu arbeiten?

Es gibt einige Optionen, die ich mir gerade aus unternehmerischer Sicht ansehe. Dazu gehört auch die Entwicklung des Fußballs in Saudi-Arabien. Ich möchte jedoch grundsätzlich einen Eindruck über die Entwicklung des Fußballs in verschiedenen Ländern bekommen. Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen.

Sie gelten als Visionär, wollen sich immer weiterentwickeln. Welche Zukunftspläne haben Sie?

Ich bin jemand, der vor allem in der Umsetzung zu Hause ist und deshalb spreche ich immer gerne über Zukunftspläne, wenn sie dann in die Tat umgesetzt werden. Wie ein berühmter Mann einmal gesagt hat: Vision ohne Umsetzung ist Halluzination.

Interview: Philipp Kessler

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