München – Mittwochmorgen hat sich Sylvain Francisco zur Begegnung mit seiner Vergangenheit aufgemacht. Mit seinen Bayern-Basketballern reiste der französische Spielmacher nach Athen, wo die Münchner am Donnerstag (20.15 Uhr/Magentasport) bei Panathinaikos in der Euroleague gefragt sind.
Unweit von dort, in Peristeri, hatte der Mann aus Creteil, der am kommenden Montag 26 Jahre alt wird, im vergangenen Jahr für einiges Aufsehen gesorgt. Für so viel sogar, dass sich neben Nationalcoach Vincent Collet auch Euroleague-Schwergewichte wie Olympiakos Piräus für ihn interessierten. Doch Francisco wählte die Bayern, deren Verantwortliche sich in diesen ersten Saisontagen schon die Hände gerieben haben dürften. Erst am Sonntag spielte er die Hamburg Towers zwischenzeitlich so schwindlig, dass deren Coach Benka Barloschky nur lächelnd mit den Schultern zuckte: „Wenn er das macht, kannst du nur den Hut ziehen.“
Ok, es ist noch früh in der Saison und auch die Bayern sind merklich noch auf der Suche nach sich selbst. Und doch lässt sich schon erahnen, dass man mit Francisco und seinen Guardkollegen Carsen Edwards und Leandro Bolmaro Kräfte an Bord hat, die den Bayern so manche Tür öffnen könnten. Natürlich hat das viel mit Pablo Laso zu tun. Der Bayern-Coach war einst selbst ein Ausnahmekönner auf der Schlüsselposition. „Er wird mich weiterbringen“, schwärmt Francisco, „Er ist ein Geschenk.“
So war das immer bei ihm, einem von neun Kindern angolanischer Kriegsflüchtlinge. Er hat stets aufgesaugt, was ihn weiterbringen kann. Viele Jahre hat er sein Glück im US-amerikanischen Schulsport-System versucht. Das hat ihn geprägt, auch sprachlich. Heute klingt er mehr nach Harlem als nach Creteil.
Und irgendwie hätte es nicht gepasst, wenn sich Francisco nach seiner starken Saison in Griechenland direkt zu den ganz großen Adressen Europas aufgemacht hätte. Francisco hat nie zwei Schritte auf einmal genommen. Hat sich dafür aber auch den Glauben an den jeweils nächsten nie nehmen lassen. Hat notfalls auch eigene Mittel in die Waagschale geworfen. Das hat ihn auch in eine Trainingsgruppe in Florida gebracht, in der er mit NBA-Spielern, unter anderem mit seinem heutigen Teamkollegen Serge Ibaka schuftete.
Nun also Bayern. „Hier bin ich in einem jungen Team und kann auch Fehler machen“, sagt er, „dürfte ich das bei Olympiakos? Sicher nicht.“ Wie schnell die Dinge schieflaufen können, hat er im Sommer zu spüren bekommen. Nationalcoach Collet hatte ihn in sein WM-Aufgebot geholt, als einzigen Akteur der (noch) nicht in der Euroleague oder NBA unterwegs war. „Wir sind mit der Überzeugung hingefahren: Wir haben das Zeug, alles zu gewinnen“, sagte er. Die großen Träume waren nach einem Debakel gegen Kanada und einer Niederlage gegen Lettland schnell vorbei – am Ende stand Platz 18. Ein Desaster für die Grande Nation. Doch er hat es schnell abgehakt. Weil die Bayern riefen. Und da hat Francisco Größeres vor. PATRICK REICHELT