Saudi-Arabien drängt mit aller Macht in den Fußball. Immer mehr Superstars werden mit Mega-Gehältern in die Saudi Pro League gelockt. Unsere Zeitung ist in das Königreich gereist und beleuchtet in einer Serie den umstrittenen Wüstenstaat. Heute bezieht Michael Emenalo (58), der nigerianische Direktor der Saudi Pro League, zu einigen Vorwürfen Stellung.
Es heißt, Geld regiert die Welt. Stimmen Sie zu?
Ich hatte noch nie wirklich viel Geld. Und ich hatte noch nie ein Interesse daran, die Welt zu regieren. Ich kenne also diese Dynamik nicht. Ich denke, dass Geld eine wichtige Tauschwährung ist, die es uns ermöglicht, miteinander zu interagieren und in Beziehung zu treten, von Mensch zu Mensch, von Land zu Land, von Geschäft zu Geschäft, von Sport zu Sport. Und das ist meine einzige Interpretation dessen, was Geld bewirken kann.
Die Saudi Pro League hat in diesem Jahr 954 Millionen Euro für neue Stars ausgegeben. Kaufen die Saudis den Fußball kaputt?
Es ist nicht gut, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ich kann Ihnen so viele Beispiele nennen, die dieselbe Kritik einstecken müssen, einschließlich Bayern München. Kleinere Vereine haben Angst vor dem FC Hollywood. Es gibt immer diese Fixierung auf Geld, wenn der Status quo verbessert werden soll. In der Premier League, wo ich zehn Jahre beim FC Chelsea verbracht habe, gab es immer die gleiche Kritik. Und am Ende ist heute jeder glücklich mit dem, was die Premier League tut. Ja, in Bezug auf die Ausgaben stehen wir nach der Premier League an zweiter Stelle. Von der englischen Liga wird heute aber schon erwartet, dass sie viel Geld ausgibt. Niemand beschwert sich mehr darüber, obwohl vor fünf Jahren die Lage noch eine andere war.
Den horrenden Ausgaben für neue Stars steht ein Transfer-Minus von 889 Mio. Euro gegenüber. Wie wirtschaftlich sinnvoll ist das?
Die Ausgaben sind in zweierlei Hinsicht sinnvoll. Zum einen investieren die Saudis in ihre Menschen, sie geben ihren Menschen etwas zurück, sie fördern die Kultur und die soziale Interaktion untereinander. Zum anderen ist es auch eine Investition in die Zukunft. Es ist eine Investition in einen Wirtschaftszweig, der wächst und wächst, einen Wirtschaftszweig, den man vor nicht allzu langer Zeit noch abgelehnt und vernachlässigt hat. Auch hier wurden die gleichen Vorwürfe über andere Ligen erhoben, als sie anfingen und es hieß, dass sich die Investitionen nicht rentieren würden. Und jetzt stellen wir fest, dass der Fußball mit seinem Unternehmenswert einen anderen Marktmechanismus hat.
Wie meinen Sie das?
Es gibt viele Menschen auf der Welt, die froh wären, Bayern München, Real Madrid oder Chelsea zu besitzen. Der Londoner Verein wurde seinerzeit für einen bestimmten Betrag gekauft und später wieder für mehr Geld verkauft. Aber anfangs wurde dem Club auch vorgeworfen, zu viel auszugeben und nichts dafür zu bekommen. Unsere ist eine sehr solide und gut durchdachte Investition für die Menschen in Saudi-Arabien. Es ist eine clevere Investition in eine Branche, die exponentiell wächst.
Es gibt viel Kritik an der Menschenrechtslage in Saudi-Arabien. Sie sagen wiederum, dass die hohen Ausgaben für den Fußball eine Investition für die Menschen sind. Wird der Sport die Situation im Lande verändern?
Dies ist eine sich entwickelnde Nation, in der 70 Prozent der Bevölkerung unter 35 Jahre alt sind, was bemerkenswert ist. Die Situation hat sich verbessert und entwickelt sich weiter. Wir erleben ein unglaubliches Wachstum, einen Aufschwung in allen Bereichen. Man kann sich ansehen, was mit der Frauenliga, dem Frauenfußball und dem erstmaligen Erscheinen der saudi-arabischen Frauennationalmannschaft im Ranking der FIFA passiert. Wie in jedem anderen Land der Welt gibt es also immer die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Diese Entwicklung erleben wir hier gerade. Und sie wurde mit Intelligenz, Ruhe und großem Einfühlungsvermögen gemeistert.
Cristiano Ronaldo, Karim Benzema, Neymar, Sadio Mané, Roberto Firmino – viele Superstars sind bereits in Saudi-Arabien. Wann kommt Liverpool-Star Mo Salah?
Mo ist jederzeit willkommen. Aber niemand wird unter Druck gesetzt oder gezwungen. Wenn jemand kommen möchte und es eine Möglichkeit gibt, mit dem abgebenden Verein auf eine sehr respektvolle und professionelle Art und Weise zu arbeiten, würden wir uns sehr freuen, ihn zu haben. Aber ja, Mo ist mein persönlicher Favorit.
Von welchem deutschen Spieler träumen Sie? Während Ihrer Zeit als Technischer Direktor von Chelsea war ein gewisser Jamal Musiala in der Akademie der Londoner.
Die Saudi Pro League ist offen für jeden einzelnen Superstar, der Teil davon sein will. Je jünger sie sind, desto besser. Aber wir diskriminieren niemanden, egal welches Alter, welche Größe oder Hautfarbe er hat. Wir sind einfach offen für die besten Spieler, die hierher kommen wollen. Es ist sehr wichtig zu betonen, dass wir wollen, dass die Leute sich selbst dazu entscheiden, hierher zu kommen. Ich kenne Spieler, die vor diesem Schritt zögerten, und jetzt sehr zufrieden sind, auch mit der Resonanz, die sie bekommen. Natürlich ist es nicht perfekt. Aber sie sind sehr glücklich, weil ihre Erfahrungen positiver sind als ihre Befürchtungen waren und die Erwartungen an sie hier wirklich hoch sind. Ich hoffe also, dass diese jungen, wunderbaren Superstars oder auch aufstrebende Größen wie Musiala, den ich absolut bewundere, eines Tages selbst die Entscheidung treffen werden, zu uns zu kommen. Aber ich hoffe, dass sich das organisch entwickeln wird.
Die Vereine in Europa sind froh, dass saudi-arabische Vereine ihre Spieler weit über dem Marktwert kaufen. Warum überbezahlen Sie?
Ich denke, Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Europäische Vereine könnten denken, dass wir zu viel bezahlt haben, und wir könnten denken, dass wir genau das bekommen haben, was wir brauchen. Ich denke, dass die Kritiker nicht beides haben können: Sie können uns nicht vorwerfen, dass wir den Weltfußball ruinieren. Und sich dann darüber freuen, dass wir zu viel für ihre Spieler bezahlen. Irgendwann müssen sie entscheiden. Wir hingegen tun nur das, was unserer Meinung nach für unsere Liga und unser Projekt gut ist. Wir sind sehr fokussiert und sehr klar in dem, was wir zu erreichen versuchen.
Reichen Top-Stars, um die Liga besser zu machen?
Ich weiß nicht, was in den nächsten Transferfenstern passieren wird, aber ich kann Ihnen versichern, dass es nicht nur unser Ziel ist, Weltklassespieler zu verpflichten. Unser Ziel ist es auch, uns zu verbessern. Wir müssen die Infrastruktur in den Vereinen voranbringen, die Einrichtungen, die Trainingsmethoden. Wir müssen dafür sorgen, dass die nächsten jungen saudi-arabischen Spieler, die nachrücken, auf demselben modernen, intensiven Niveau spielen, wie in den Top-Nationen. Darauf konzentrieren wir uns im Moment.
Interview: Philipp Kessler