Manchester – Es gab Zeiten beim FC Bayern, da nannten sich die Spieler des Jahrgangs 1995 selbstbewusst „New Gen“. Man sah sich als neue Generation, die in München eine Erfolgsära prägen wollte, wie es zuvor Manuel Neuer (37), Thomas Müller (34) und Co. im besten Fußballer-Alter gelang. Namentlich waren das Joshua Kimmich (28), Leon Goretzka (28), Serge Gnabry (28) und Nikals Süle (28). Doch von dem ehrgeizigen Vorhaben der „New Gen“ ist augenscheinlich nicht viel übrig geblieben.
Süle wechselte wegen mangelnder Wertschätzung zu Borussia Dortmund, Gnabry konnte nie konstant gute Leistungen über einen längeren Zeitraum zeigen – und bei Goretzka ist sportlich seit einiger Zeit ebenfalls der Wurm drin. Auch bei Kimmich, dem Stabilsten der genannten 95er, gibt es Luft nach oben. Zuletzt gab er – für ihn unüblich – selten Interviews nach Spielen. In Manchester war es daher mal wieder die Ü-30-Fraktion um Neuer und Harry Kane (30), die sich vor den TV-Kameras und Mikrofonen den Fragen stellte. Zur Erinnerung: Nach dem 1:5 in Frankfurt war es ebenfalls lediglich Müller, der versucht hatte, die Blamage öffentlich zu erklären. Der Rest schwieg. Nun der Manchester-Maulkorb.
Mittlerweile ist in München eine Debatte um die Führungsspieler hinter Neuer, Müller und Kane entbrannt. Matthias Sammer nimmt hier vor allem Kimmich in Schutz. „Ich bin ein Freund von Achse, von Vertrauen – auch wenn es schlecht läuft wie in Frankfurt“, meinte der BVB-Berater bei „Amazon Prime Video“. Er ergänzte: „Auch wenn er im Moment nicht optimal spielt, sein Charakter ist so, so wichtig für eine Mannschaft.“ Für Sammer ist Kimmich neben Neuer und Kane einer der wichtigen Führungsspieler des deutschen Rekordmeisters, der auch in schwierigen Situationen vorangehe. Genau diese Qualitäten würden laut Sammer zu selten wertgeschätzt: „Ich würde mir einfach wünschen, dass dieser Junge in unserem Fußball viel mehr geschätzt werden, als es der Fall ist. So viele von diesen Typen haben wir nicht.“
Hinter den Kulissen des FC Bayern hat man sehr wohl erkannt, wer seinen Ansprüchen als Führungsspieler gerecht wird – und wer nicht. Oder wer sich gerne medienwirksam abseits des Sports als Marke oder politischer Botschafter inszeniert. Die Verpflichtung von Bryan Zaragoza (22) war bereits ein erster Fingerzeig des neuen Sportdirektors Christoph Freund (46) in Richtung des angestammten Flügel-Personals. Vor allem Gnabry gilt – mal wieder – als Verkaufskandidat und könnte bei einer entsprechenden Summe gehen. Jüngst erklärte Freund im „Sport 1 Doppelpass“, die Münchner müssten „die richtigen Spieler mit der richtigen Mentalität und dem richtigen Hunger“ auf dem Markt finden: „Veränderung ist immer eine Chance, wir müssen den richtigen Mix finden.“
Der Sportchef dreht an der Säbener Straße in Sachen Kaderzusammenstellung und Infrastruktur jeden Stein um, damit der Rekordmeister wieder zur gewohnten Dominanz zurückkehrt – und wird auch nicht davor zurückschrecken, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Zumal auch Trainer Thomas Tuchel seinen Kader radikal sanieren wird. Nicht umsonst hat er Barcelona-Innenverteidiger Ronald Araujo (24) als Transferziel ausgegeben.