In ungemütlichen Zeiten geht es ja gerne um Details – und da hat Thomas Tuchel am Sonntagabend passenden Stoff geliefert. Dick eingemummelt, den Schal weit nach oben, die Kappe weit nach unten gezogen, saß der Trainer des FC Bayern auf der Pressekonferenz, um irgendwie Worte für das zu finden, was er zuvor 90 Minuten hatte mit ansehen müssen. Das gelang in Teilen gut („ungenügend“, „nicht unser Anspruch“, „großer Dämpfer“), in Teilen weniger („ergibt keinen Sinn, was ich erzähle“) – und kritische Fragen wie etwa nach dem Rückstand im Meisterrennen oder den ungefährlichen Standards ließen den Bayern-Coach dünnhäutig werden. Da war ein Mann zu sehen, in dem eine Mischung aus Wut, Enttäuschung und Ratlosigkeit arbeitete, begleitet von dem Wissen, dass er in der Verantwortung steht – und sein Schaffen genau beäugt wird. Öffentlich wie intern.
Es war mit Sicherheit kein Zufall, dass Jan-Christian Dreesen nach Abpfiff des blamablen wie schmerzhaften 0:1 gegen Werder Bremen darum warb, die Situation „nicht schönzureden, aber auch nicht zu viel hineinzuinterpretieren“. Auf dem Papier stand eine Niederlage, die erste des Jahres 2024, die zweite in der laufenden Bundesliga-Spielrunde, also bitte nicht durchdrehen! Das zumindest würde gelten, würde man bei einem anderen Verein als dem FC Bayern spielen – und die Vorgeschichte aus dem Herbst nicht existieren. Schon vor ein paar Monaten nämlich haben die Bosse an der Säbener Straße die Köpfe zusammengesteckt und die Personalie Tuchel hinterfragt. Mit Kritik – vor allem in Richtung mannschaftlicher wie persönlicher Weiterentwicklung – wurde damals nicht gespart; für Tuchel aber sprachen die Ergebnisse. Ein Argument, das dünner wird, wenn der zweite Titel der Saison akut gefährdet ist.
Vor allem die konstante Inkonstanz dieses Teams aus so begnadeten Einzelkönnern ist alarmierend. Dass die Tuchel-Elf genial kicken kann, hat sie (siehe etwa Dortmund und Stuttgart) bereits bewiesen. Auf der anderen Seite aber steht nun nach dem Supercup, dem Pokal-Aus und dem 1:5 in Frankfurt der vierte Totalausfall in den Büchern. Entscheidend – für den Verlauf der Saison und auch das persönliche Schicksal von Tuchel – wird sein, wie der Coach den Weg aus der sich anbahnenden Krise meistert. Die Bosse wollen eine Handschrift sehen, einen Plan, eine Strategie. Also: Kappe hoch, Schal runterziehen – und vorweg gehen!
Hanna.Raif@ovb.net