Gefährliches Spiel mit dem Bayern-Herzen

von Redaktion

Goretzka Bankdrücker, Kimmich angefressen

VON HANNA RAIF UND PHILIPP KESSLER

München – Schon in der Halbzeit, erzählte Thomas Tuchel hinterher, hatte ihn so ein Gefühl beschlichen – aber er hatte ja die Eindrücke aus Portugal im Kopf. Da nämlich, von Montag bis Mittwoch, hatte der Trainer des FC Bayern in der wärmenden Sonne an der Algarve bestens sehen können, was eigentlich in seiner Mannschaft steckt. Der Coach entschied sich beim 0:1 (0:0) gegen Werder Bremen also in der Kabine dafür, „den Spielern das Vertrauen zu geben, das Gesicht zu zeigen, das ich auch von ihnen kenne“. Erst als er wirklich genug gesehen hatte, ordnete er in der 64. Minute einen Dreifachwechsel an – und die seltene Aktion: Joshua Kimmich raus!

Schon beim Gang vom Feld sah man dem frisch gebackenen Vierfach-Papa an, dass er mit dem frühen Ende seines Arbeitstages nicht zufrieden war. Später bestätigte Kimmich: „Natürlich will ich immer 90 Minuten auf dem Platz stehen. Gerade, wenn wir hinten liegen, ist es etwas anderes, als wenn man 3:0 führt.“ In den letzten 20 Minuten, als sich die Bayern im „Harakiri“-Stil (Tuchel) gegen die Niederlage wehren wollten, musste der Regisseur von der Bank aus zusehen. Und die Kritik, die Tuchel hinterher an seine Startelf richtete, galt auch ihm. Es war ein Satz dabei, der nachhallt: „Bei Bayern München unterschreibst du für 100 Prozent.“ Nur einen Bruchteil davon hatte Tuchel von seinen Spielern gegen Bremen gesehen.

Kimmich musste gemeinsam mit dem enttäuschenden Raphael Guerreiro und Alphonso Davies vom Platz, der sich beim Gegentreffer von Mitchell Weiser hatte austanzen lassen. Es war nur logisch, dass das Augenmerk mit Blick auf den Spielstand und der tickenden Uhr der Offensive galt, trotzdem sorgte vor allem die Kimmich-Auswechslung für Verwunderung. Der Vize-Kapitän war als alleiniger Sechser dazu angehalten worden, die Innenverteidigung im Aufbauspiel zu entlasten. Kimmich sollte die Bälle hinten abholen und risikolos verteilen – wurde seiner eigenen Stärken aber durch die explizite Vorgabe ein Stück weit beraubt. Nun am Ende als Sündenbock dazustehen, wäre unfair. Zumal das Verhältnis zu Tuchel in den letzten Monaten – Stichwort Sechser-Debatte – schon oft auf die Probe gestellt wurde.

Ähnlich geht es da Goretzka, der die Arena wortlos verließ. Denn auch sein Arbeitstag war enttäuschend – und zwar gleich in doppelter Hinsicht. Als Teil der Schlussoffensive gelang es dem 28-Jährigen nicht, die Wende einzuleiten. Zudem taten die 63 Minuten auf der Bank weh. Schon zum zweiten Mal hintereinander hatte sich Tuchel für den gelernten Außenverteidiger Guerreiro anstelle von Goretzka im Mittelfeld entschieden. „Diese Entscheidung können die Spieler nicht verstehen. Das ist für die Stimmung nicht gut“, sagte Lothar Matthäus bei „Sky“.

Tuchel spielt mit seinem (Bayern-)Herzen. Und es passte zu diesem gebrauchten Tag, dass Jan-Christian Dreesen mit Blick auf Tuchel-Wunschspieler Joao Palhinha sagte: „Manchmal sieht man sich öfter als zweimal im Leben. Ich würde nie etwas ausschließen.“ Was im Sommer passiert, wird spannend. Für alle Beteiligten. Denn da geht es um mehr als die nächsten 45 Minuten.

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