Kitzbühel – Es war kurz nach Mitternacht, da machte sich Linus Straßer am Sonntag auf den Heimweg. Mit seiner Gams unter dem Arm. Jedenfalls teilte der Skirennläuferer in den Sozialen Medien ein Bild, das seinen Schatten und die Silhouette seiner prestigeträchtigen Trophäe im Laternenlicht auf schneebedeckter Straße zeigte. „Walking Home“, schrieb er dazu, nach Hause gehen. Die angegebene Zeit: 0.39 Uhr. Viel Zeit Zuhause wird der 31-Jährige allerdings nicht verbringen. Bereits am Mittwoch steht der Nachtslalom in Schladming an. Der nächste Coup ist möglich, nachdem sich der gebürtige Münchner, der für den TSV 1860 fährt, mit seinem Sieg im Slalom von Kitzbühel einen Traum erfüllt hat.
Straßers Triumph hat auch für kollektives Aufatmen im gesamten Deutschen Skiverband gesorgt, schließlich hatte der DSV in diesem bislang sehr mauen Winter noch keinen Sieg und bei den Männern nicht einen Podestplatz zu bejubeln gehabt. Einzig Slalom-Spezialistin Lena Dürr war viermal auf das Podium gefahren. Eine „extrem heilsame Aktion“ sei Straßers Triumph gewesen, sagte DSV-Alpinchef Wolfgang Maier. „Auch, wenn wir das eine oder andere Thema noch vor uns haben“, betonte der Funktionär, „das gibt allen, die hier arbeiten, Motivation“. Die Alpinen sollen für den weiteren Saisonverlauf neuen Schwung bekommen.
„Dieser Sieg ist extrem wichtig für den deutschen Skirennsport“, erklärte der frühere Skirennfahrer Christian Neureuther. „Es tut gut, wenn ein Athlet so in den Fokus rückt.“ Vor allem Straßers Vorstellung im zweiten Durchgang beeindruckte den Ex-Skistar. „Mit welcher Sicherheit und Stabilität er da runtergefahren ist – so bist du ein ganz, ganz Großer“, lobte der Garmisch-Partenkirchner in den höchsten Tönen. „Es gibt viele Slaloms, die schön zu gewinnen sind, aber dieser hier ist herausragend“, sagte der 74-Jährige.
Straßer ist der fünfte Rennfahrer, der am legendären Ganslernhang für einen deutschen Sieg sorgte. Neureuther selbst hatte den wichtigsten Slalom im Weltcup 1979 gewonnen – es war einer seiner insgesamt sechs Weltcup-Erfolge. 2010 und 2014 siegte in Kitzbühel auch Neureuthers Sohn Felix. Bereits 1989 triumphierte Armin Bittner. Und 1963 stand Ludwig „Luggi“ Leitner, der im Kleinwalsertal, in der Vorarlberger Grenzregion zum Allgäu, lebte, aber für den DSV startete, ganz oben – allerdings noch vor Weltcup-Gründung.
Nun ist Straßer den Fluch losgeworden, bei seinem „Heimrennen“ nicht die Leistung zu zeigen. Er lebt in Kirchberg, ein paar Kilometer von Kitzbühel entfernt. Auf dem Ganslernhang lernte er einst als junges Mitglied des Kitzbüheler Ski-Clubs das Skifahren und bestritt seine ersten Rennen. Von der Atmosphäre und den Emotionen her gebe es für ihn nichts Größeres als den Triumph dort, erklärte Straßer. Für ihn war es der dritte Sieg in einem Weltcup-Slalom. Straßer hat sich zum Hoffnungsträger aufgeschwungen. „Gefühlt“, erklärte er, „fahre ich so gut Ski wie noch nie“. Das lässt hoffen für den Nachtslalom in Schladming. Das Flutlicht-Spektakel hat er schließlich auch schon mal gewonnen. 2022 war das. „Es kann kommen was will“, sagte Straßer. „Ich bin bereit.“ kb/dpa/sid