„Tuchel ist der Hauptverantwortliche“

von Redaktion

Sportpsychologe Herzog sieht bei Bayern Kommunikationsproblem – und appelliert: „Fehler eingestehen!“

München – Spitzenleistungen gegen Top-Teams, Peinlich-Pleiten gegen Underdogs. Sportpsychologe Matthias Herzog (47) erklärt im Interview, warum die Bayern unter Trainer Thomas Tuchel (50) immer wieder schwächeln.

Herr Herzog, qualitativ ist der FC Bayern höher einzustufen als Werder Bremen. Trotzdem haben die Münchner verloren. Wie kann das sein?

Das ist zu 100 Prozent auf die falsche Einstellung und mangelnde Leistungsbereitschaft der Mannschaft zurückzuführen. Das war Arbeitsverweigerung und Nullbock-Einstellung. Dazu noch die Arroganz, man könne im Schongang gewinnen. Nur blöd, wenn der Gegner nicht 100, sondern 120 Prozent gibt. Dann wird es auch für Bayern schwer, gegen Bremen zu gewinnen. Das, was wir bei Bayern sehen, erinnert an die letzten Wochen von Julian Nagelsmann als Bayern-Coach. Die Mannschaft scheint gegen den Trainer zu spielen.

Ein hartes Urteil. Woran machen Sie das fest?

An der Reaktion von Leroy Sané auf die Taktik-Umstellung in der 64. Minute war für mich zu erkennen, was er und mit Sicherheit auch viele Teile der Mannschaft von Tuchels Taktik halten: sehr wenig. Spieler wie Thomas Müller & Co bleiben ruhig nach außen, aber innerlich dürfte es kräftig in ihnen brodeln. Hinzu kommen ständige Wechsel, oft ohne logische Erklärung – Tuchel spielt seine Macht aus, auf Kosten der einzelnen Spieler. Die können trainieren, wie sie wollen, wissen aber dennoch nicht, ob sie bei guten Trainingsleistungen auch eingesetzt werden.

Tuchel konnte nach der Pleite nicht erklären, warum die Mannschaft die aus seiner Sicht guten Trainingsleistung nicht aufs Spiel übertragen konnte.

Die Verantwortung schiebt er seit Monaten von sich weg. Ganz am Anfang war sein Vorgänger Nagelsmann der Schuldige, später die gescheiterte Transferpolitik, dann die vielen Verletzten. Aus seiner Sicht scheint er keine Fehler zu machen, dabei ist er aus meiner Sicht der Hauptverantwortliche.

Gegen Top-Teams haben die Bayern allerdings stets abgeliefert unter Tuchel. Warum?

Dass die Mannschaft über die Woche gut trainiert, wie Tuchel es sagt, stimmt bestimmt. Das zeigen ja auch die Ergebnisse gegen Mannschaften wie den BVB oder die Ergebnisse in der Champions League. Heißt: Gegen starke Gegner ruft die Mannschaft ihr Leistungspotenzial ab. Wenn es in der Rückrunde gegen Leverkusen geht, dürfte auch davon auszugehen sein, dass die Bayern dort ein anderes Gesicht zeigen. Und falls dann Leverkusen die Meisterflatter bekommen sollte, kann es am Ende wieder sein, dass die Bayern trotzdem Meister werden.

Wie kann Tuchel es schaffen, dass die Mannschaft konstant souverän und gut auftritt?

Eigene Fehler einzugestehen, ist die größte Stärke überhaupt. Tuchel sollte erst einmal bei sich anfangen, auch klare Fehler eingestehen und selbstreflektiert an sich arbeiten. Aktuell verliert er die Mannschaft immer mehr. Das kann er nur drehen, wenn er die Kabine zurückgewinnt. Das geht nur über klare Kommunikation gegenüber seinen Spielern, warum er wie entscheidet. Und vor allem sollte er anfangen, seinen Spielern zu vertrauen und ihnen wieder mehr Freiraum geben.

Franz Beckenbauer hat früher mal gesagt: „Geht’s raus und spielt‘s Fußball“.

So einfach kann es sein. Nagelsmann ist bereits daran gescheitert, dass er aus dem Fußball eine Wissenschaft machen wollte und die Spieler überfordert hat. Tuchel tut es ihm gleich und merkt es anscheinend nicht. Wenn die Bayern-Spieler wollen und Spaß haben, schießen sie neun von zehn Gegnern problemlos vom Feld. Fehlen die Einstellung und Freude am Spiel, verlieren sie gegen Mannschaften, die um den Klassenerhalt kämpfen. Fußball wird einfach und erfolgreich, wenn Tuchel es einfach macht.

Interview: Philipp Kessler

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