Einer pennt immer

von Redaktion

Aussetzer in der Schlussphase ziehen sich durch diese 1860-Saison – die Folge: Platz 15 statt 9

VON ULI KELLNER

München – Eine Flanke von Marvin Thiel segelte in den Löwen-Strafraum. Marco Hiller klebte auf der Linie, auch der eingewechselte Leroy Kwadwo blieb angewurzelt stehen. Lübecks Kapitän Mirko Boland schaltete am schnellsten. Er hatte den Angriff eingeleitet, lief bis zum Torraum durch – und köpfte zum 1:1-Endstand ein.

Wieder kam das Unheil gefühlt aus dem Nichts, wieder waren nur noch wenige Minuten zu spielen. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison der Blauen: Einer pennt immer. Und diese Schläfrigkeit in den heißen Spielphasen kostet regelmäßig Punkte. Bereits unter Maurizio Jacobacci brachten sich die Löwen fünfmal spät um bessere Ergebnisse: gegen Aue (1:2 statt 1:0), im Derby beim FC Ingolstadt (1:2), in Münster (1:1), bei Viktoria Köln (1:2) und gegen Regensburg (0:1). In Lübeck wiederholte sich das Muster nun – bei einem direkten Rivalen im Abstiegskampf, was doppelt bitter ist für die zuvor allerdings auch wenig überzeugende Elf des neuen Trainers Argirios Giannikis.

Der Tabelle-nach-Minuten-Rechner, ein aufschlussreiches Tool auf Transfermarkt.de, führt den Löwen ihre Konzentrationsprobleme schonungslos vor Augen. Wären alle Spiele dieser Saison bereits vor der Schlussviertelstunde abgepfiffen worden, stünde 1860 auf Tabellenplatz neun – mit sechs Punkten mehr auf dem Konto. So aber verharrt das Team auf Platz 15 – mit weiterhin überschaubarem Polster zur brenzligen Zone.

Erfreulich immerhin, dass die Löwen diesmal auch spät zu einem eigenen Treffer kamen. Ein seltenes Ereignis. Nachwuchsstürmer Mansour Ouro-Tagba, kurz zuvor eingewechselt, schlug in der 79. Minute per Kopf zu. Im bisherigen Saisonverlauf hatten die Löwen nur beim 3:0 in Duisburg am zweiten Spieltag (Zwarts, 86.) und beim 3:2-Auswärtssieg in Saarbrücken (Lang, 82.) am 11. November Tore in der Schlussviertelstunde erzielt.

Wollen die Löwen die unter Giannikis angefangene Mini-Serie (zwei Spiele, vier Punkte) ausbauen, wäre es ratsam, mal über die volle Spielzeit bei der Sache zu sein. So wie Gegner Sandhausen im neuen Jahr. Die beachtliche Bilanz des kleinen Clubs aus dem Süden von Heidelberg: zwei Spiele gegen unbequeme Ostclubs (Dresden, Aue), zwei hart erkämpfte 1:0-Siege. Der Zweitliga-Absteiger – angeleitet von zwei Ex-Löwen (Sportchef Mathias Imhof, Trainer Jens Keller) – hat den Kader in der Winterpause nachjustiert: Edvinas Girdvainis und Patrick Greil kamen für die Defensive – und für vorne der international erfahrene Markus Pink (32, Österreich, zuletzt chinesischer Meister mit Shanghai Port), der in Dresden prompt den Siegtreffer erzielte und gegen Aue den spielentscheidenden Strafstoß herausholte.

Bei den Löwen sind weiterhin keine Neuzugänge in Sicht. Ein bisschen personelle Hoffnung gibt es dennoch: Sorgenkind Joel Zwarts zündet im Training die nächste Stufe, ist offenbar schmerzfrei – und bei Ex-Kapitän Stefan Lex, seinem neuen Personal Coach, in besten Händen.

Giannikis ist guter Dinge, dass die Löwen gegen Sandhausen (Sonntag, 16.30 Uhr) den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung machen, der neue Trainer spricht ja gerne von einem „Prozess“: Kampfgeist und Tordrang vom Duisburg-Spiel (4:1), gepaart mit einem Jokertor wie in Lübeck – dann könnte es klappen mit einem Befreiungsschlag im Abstiegskampf. Vorausgesetzt, alle bleiben diesmal hellwach – bis in die letzte Minute der Nachspielzeit.

Stürmer Zwarts macht Fortschritte

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