Schladming – Es regnete in Strömen. Doch Linus Straßer lachte, als er sich auf seinen zweiten Lauf vorbereitete. Den 31-Jährigen scheint gerade nichts aus der Ruhe zu bringen. Nicht das Wetter, keine knifflige Kurssetzung, keine starke Fahrten der Konkurrenz. Nur drei Tage nach seinem Triumph beim Slalom in Kitzbühel schnappte sich der Skirennfahrer gleich den nächsten Sieg bei einem prestigeträchtigen Slalom. Der Deutsche gewann das spektakuläre Nightrace von Schladming.
„Der nächste Streich – saustark! Chapeau, Linus“, schrieb Fußballlegende Bastian Schweinsteiger zugleich in den Sozialen Medien. Auch der am Wochenende zurückgetretene Abfahrer Thomas Dreßen meldete sich sofort nach dem Rennen: „Du geiler Typ!“, kommentierte er. Bayern-Star Thomas Müller ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, „Teufelskerl“ Straßer zum nächsten Coup zu gratulieren. Eines ist klar: Das Slalom-Ass hat mit dem Gewinn des „Klassiker-Doubles“ in Österreich für Aufsehen gesorgt. Im Ski-Weltcup und in der übrigen Sportwelt.
Der Athlet, der für den TSV 1860 München startet, scheint in der Form seines Lebens zu sein. „Mir fällt es gerade so leicht, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren“, erklärte er nach dem Rennen selig grinsend im BR. „Ich stehe gerade so gut über den Ski.“ Es sei für ihn „alles total simpel“ aktuell. „Das Momentum koste ich aus.“ Die ersten Slaloms der Saison hatte noch der Österreicher Manuel Feller dominiert. Nun liegt Straßer in der Weltcup-Wertung „nur noch“ 132 Zähler hinter dem Tiroler, der voll auf Angriff durch die Slalom-Stangen raste, am Ende Fünfter wurde. Sechs Torläufe stehen in dieser Saison noch aus. Der Schwung liegt bei dem gebürtigen Münchner. Der will so weiter machen. In anderthalb Wochen, beim nächsten Slalom im französischen Chamonix, wieder eine Traum-Vorstellung hinlegen. „Aber heute wird erst mal gefeiert“, kündigte Straßer im ORF an.
Schließlich hat er mit seinem Triumph beim Flutlicht-Spektakel in der Steiermark auf der Planai deutsche Sportgeschichte geschrieben. Er ist der erste Athlet des Deutschen Ski Verbands (DSV), der nacheinander beide Torläufe in Kitzbühel und Schladming gewann. Das war nicht mal den erfolgreichsten Slalomfahrern – Felix Neureuther und Armin Bittner – gelungen.
Dabei war der Druck vor dem zweiten Durchgang enorm. Straßer ging – erstmals in seiner Karriere – als Führender ins Finale. Dort wartete auf die Fahrer ein drehender, nicht gerade einfacher Kurs. Regen und Wind machten die ganze Sache ungemütlich. Am Start bekam der Deutsche noch mit, wie die norwegischen Trainer die starke Vorstellung ihres Schützlings Timon Haugan feierten. „Shit, ich habe mir gedacht, jetzt muss ich Gas geben“, erzähle Straßer anschließend. Gesagt, getan. Selbstbewusst behielt er die Nerven. Zauberte eine perfekte Fahrt, ohne Wackler, ohne Rutscher, mit engster Linie auf die Piste. Und so leuchtete im Ziel wieder eine Bestzeit auf. Straßer gewann mit 0,28 Sekunden Vorsprung vor Haugan. Dritter wurde der Franzose Clement Noel (+1,02 Sekunden). Die rund 30 000 Zuschauer bei Österreichs größter (Après-)Ski-Party jubelten frenetisch.
Als Straßer sich feiern ließ und anschließend zum Interview mit dem BR kam, zog TV-Experte Neureuther seine Mütze. „Als Führender richtig cool geblieben, saugut!“ lobte Neureuther. Wie bedeutend der fünfte Weltcup-Sieg des 31-Jährigen war, das weiß auch DSV-Alpin-Direktor Wolfgang Maier. „Das war eine Top-Leistung“, betonte er. Sein Schützling habe bewiesen, dass der Kitzbühel-Sieg kein Zufall war. „Linus ist in der absoluten Weltspitze angekommen.“ kb, dpa