Taktischer Kuschelkurs

von Redaktion

Nach dem Union-Spiel hält sich Tuchel mit Kritik zurück – aus gutem Grund

VON MANUEL BONKE UND PHILIPP KESSLER

München – Thomas Tuchel ist mittlerweile ein einsamer Mann beim FC Bayern. Zumindest war er es nach dem zähem 1:0 (0:0) gegen Union Berlin im Nachholspiel am Mittwochabend. Normalerweise ist der 50 Jahre alte Chefcoach von einer ganzen Entourage umgeben, wenn er die Katakomben der Allianz Arena verlässt; seine Co-Trainer Zsolt Löw, Arno Michels und Anthony Barry sind eigentlich immer dabei, manchmal auch Berater Olaf Meinking oder Pressesprecher Dieter Nickles. Diesmal schlenderte Tuchel alleine durch die Mixed Zone, um seinen Arbeitstag zu beenden. Ein Abgang mit Symbol-Charakter? Oder zu viel der Interpretation?

Was am Mittwochabend auffiel: Tuchel wählte die Worte bei seiner Spielanalyse mit Bedacht und verzichtete auf Kritik – obwohl vor allem das Angriffsspiel in der ersten Halbzeit einem Offenbarungseid glich. „Ich habe kein Problem mit dem Spiel. Wir haben sehr überlegt gespielt und waren sehr diszipliniert“, sagte der Fußballlehrer am Sky-Mikrofon und erklärte: „Wir hatten gute Torchancen, aber es hat uns an Präzision gefehlt. Wir haben überhaupt keine Konter zugelassen. Im Großen und Ganzen war es okay.“

Normalerweise schreckt Tuchel nicht davor zurück, Spieler (öffentlich) zu tadeln, doch in der jetzigen Phase hat er bewusst einen neuen Kuschelkurs eingeschlagen. Denn seine jüngsten Aussagen nach der Bremen-Pleite über die Qualitätsunterschiede im Training und in den Spielen sorgten sowohl bei seinen Stars als auch in der Chefetage für Unmut. Tenor: Es ist auch die Aufgabe des Trainers, für diesen Leistungstransfer zu sorgen.

Es kam nicht erst einmal vor, dass den Entscheidungsträgern die öffentlichen „Ratlos-Auftritte“ ihres Trainers missfielen. Immerhin wurde Tuchel auch wegen seiner Fähigkeit verpflichtet, Fehler seiner Mannschaften messerscharf analysieren – und die entsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen. Bereits im vergangenen Herbst fürchtete man, dass die Spieler nicht mehr für ihren Trainer durchs Feuer gehen. Damals hieß es, der Trainer werde auch deswegen bis zum Saisonende bleiben, weil es keine Alternativen auf dem Markt geben würde. Doch der Name Xabi Alonso ist nach wie vor Gesprächsthema auf den Fluren der Geschäftsstelle. Dass es zwischenmenschlich zwischen Team und Trainer holpert, ist auch den Bossen nicht entgangen. Bereits vor Saisonstart hatten sie sich nach Informationen unserer Zeitung intensive Gedanken gemacht, wie man Mannschaft und Trainer näher zusammenbringen könne.

Nach den Machtdemonstrationen in den Spitzenspielen gegen Borussia Dortmund (4:0) und VfB Stuttgart (3:0) schien die Formkurve wieder nach oben zu zeigen, doch mittlerweile bemängeln Teile der Mannschaft, dass nach wie vor keine klare Handschrift zu erkennen ist. Zwar haben die Tuchel-Bayern viel Ballbesitz, aber das Spiel nach vorne ist bewusst äußerst statisch. Tuchel will in der Offensive im Kollektiv so wenig Risiko wie möglich gehen – und setzt daher auf Einzelaktionen von Leroy Sané & Co. und den abschlussstarken Harry Kane. Nicht ohne Grund monierte Vorstandschef Jan-Christian Dreesen nach der Heimniederlage gegen Bremen: „Wir haben in den ersten 70 Minuten langweiligen Fußball gespielt.“ Ein klarer Arbeitsauftrag an Tuchel für die nächsten Wochen.

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