Alarm, aber (noch) keine Panik

von Redaktion

Trainerdebatte bei den Bayern wird lauter, doch Tuchel soll weitermachen

VON HANNA RAIF UND MANUEL BONKE

Rom – Da saß er also wieder auf diesem Podium, auf dem er sich am Tag zuvor noch so optimistisch gezeigt hatte – und dann kam sie, die Frage aller Fragen. Thomas Tuchel wurde sie am späten Mittwochabend persönlich gestellt, die Antwort aber folgte prompt. Sorgen um seinen Job? „Nein“, die hat der Trainer des FC Bayern nicht, und jetzt: Bitte keine weiteren Nachfragen! „Ich würde gerne über das Spiel sprechen“, sagte der Bayern-Coach nach dem 0:1 (0:0) bei Lazio Rom, wohl wissend, dass dieses Spiel so viel mehr war als die bloße zweite Niederlage binnen einer Woche. Es wird nachwirken.

Die Köpfe der Bosse wurden freilich noch in der Nacht zusammengesteckt, auf der Tribüne und auch danach, bei Pizza, Pasta – und allem anderen als Amore. Zwar hatte Jan-Christian Dreesen die Trainerpersonalie bei seiner Bankettrede im Mannschaftshotel „Waldorf Astoria“ bewusst ausgespart, aber er sagte doch deutlich: „Wir haben uns den Abend fröhlicher vorgestellt und müssen nichts schönreden.“ Zwar sei die „Reaktion“ auf das blamable 0:3 in Leverkusen in der ersten Halbzeit des 0:1 in Rom sichtbar gewesen, am Ende aber stand die erste Auftaktniederlage in einem Achtelfinal-Duell seit elf Jahren. Zwei Pleiten hintereinander hat es für den FC Bayern zuletzt 2015 gegeben, hinzu kommt Tuchels persönliche Statistik. In seiner Amtszeit hat der 50-Jährige genau eines von sechs K.o.-Spielen gewonnen: das Pokal-Erstrunden-Match bei Preußen Münster.

Noch sind sich die Clubobersten um Dreesen und Präsident Herbert Hainer einig, von einer Ad-hoc-Reaktion abzusehen. Tuchel, so machte es schnell die Runde, wird am Sonntag in Bochum auf der Bank sitzen und versuchen, „den Bock umzustoßen“. Dass sein Wirken schon länger und ab jetzt noch deutlich mehr unter Beobachtung stattfindet, ist aber nicht zuletzt ihm selbst mehr als bewusst. Zwar sagte Thomas Müller über die akut werdende Trainerdiskussion: „Das ist ein Stück weit respektlos.“ Mit Blick auf all das, was von ihm und seinen Kollegen seit Wochen auf dem Platz geboten wird, ist sie aber unvermeidlich.

Am Valentinstag in Rom sollte alles besser werden, beim Rückflug gestern Vormittag aber schrillten die Alarmglocken noch deutlich lauter als zuvor. „Das Spiel haben wir verloren, nicht Lazio gewonnen“, sagte Müller. Am Ende war es eine unglückliche Aktion von Dayot Upamecano, die als entscheidend in Erinnerung bleibt. Eklatanter aber wirkt die Tatsache, dass die Bayern nach passabler erster Hälfte den Faden verloren. „Wir sind verunsichert und das Gegenteil einer gefestigten Einheit“, sagt Müller. Manuel Neuer fügt hinzu: „Wir sind dafür verantwortlich.“ Dafür, dass der nächste mögliche Titel in Gefahr ist.

Dreesen erinnerte aus gutem Grund in seiner Rede an zwei weise Männer namens Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Denn die „haben immer bei einem 0:1 auswärts gesagt: Das ist ein Ergebnis, mit dem du leben kannst, das kannst du zuhause noch gewinnen.“ Gemeinsam wolle man sich aus dem Tief kämpfen, sagte der sichtlich angegriffene Sportdirektor Christoph Freund. „Wir sitzen alle in einem Boot.“ Müller stellte klar: „Ihr könnt nicht erwarten, dass wir uns zerfleischen.“ Drei Wochen habe man Zeit für den „Kampf im Rückspiel“. Stand jetzt soll Tuchel weiterhin dafür sorgen, das nächste frühe Aus in der Champions League zu verhindern. Ab 1. März kann Max Eberl als Sportvorstand für neue Impulse sorgen. Zu tun gibt es genug.

Das öffentlichkeitswirksame Vertrauen sprach Freund stellvertretend aus: „Ich erlebe Thomas tagtäglich. Auch er kämpft mit der Situation, weil er die Mannschaft einen anderen Fußball spielen lassen will.“ Darüber spricht der Coach selbst, Woche für Woche, immer und immer wieder. Spaß macht das nicht. Aber wenn’s am schlimmsten ist, kommt gerne ein Müller-Thomas daher: „Wer sagt denn, dass es in drei Wochen nicht schon wieder ganz anders aussehen kann?“ So geht Optimismus.

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