„Einen Applaus für unseren Upamecano“

von Redaktion

Bayern stellen sich vor ihren Verteidiger, der nach Roter Karte rassistisch beleidigt wird

VON HANNA RAIF

Rom – Jan-Christian Dreesen blickte sich im Raum um, aber der Mann, den er suchte, konnte er im noblen Ballsaal des Waldorf Astoria nicht finden. „Ich weiß jetzt gerade nicht, wo er ist“, sagte der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern in seiner Bankett-Rede und mutmaßte: „Vielleicht ist er so enttäuscht, dass er gar nicht gekommen ist.“ Die aufmunternden und unterstützenden Worte mussten dem Pechvogel des Abends nach dem bitteren 0:1 im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals in Rom daher im Nachgang übermittelt werden. Genauso wie der lange und sehr, sehr laute Applaus der mehreren hundert geladenen Gäste, der ihn womöglich ein wenig aufgebaut hätte.

Der Arbeitstag des 25-Jährigen hatte bekanntlich früher geendet als jener der Kollegen. Und wer die Miene von Upamecano gesehen hat, als er in der 67. Minute von Schiedsrichter Francois Letexier des Feldes verwiesen worden war, konnte sich vorstellen, wie es in ihm aussah. Als „zu wild“ bezeichnete Thomas Tuchel die Aktion, in der es zweifellos zu einer „harten Doppelbestrafung“ gekommen war – das allerdings auch zurecht. Denn Gustav Isaksen war beim Schussversuch mit offener Sohle von Upamecano am Knöchel getroffen worden. Keine Sekunde zögerte der Unparteiische, für den die Sache glasklar war. Den fälligen Elfmeter verwandelte Ciro Immobile. Die Konsequenz: Der FC Bayern geht mit einem Rucksack – und ohne Upamecano – ins Rückspiel am 5. März in München. Matthijs de Ligt, zuletzt außen vor, wird übernehmen.

„Wir bringen uns damit komplett auf die Verliererstraße“, sagte Tuchel. Wie alle anderen aber war der Coach bemüht, nicht mit dem Finger auf Upamecano zu zeigen. Schon der Ballverlust im Vorfeld, der zu dieser Situation führte, war vollkommen unnötig, Thomas Müller bezeichnete die Defensivleistung in der zweiten Halbzeit treffend als „fast Slapstick“. Upamecano, bis dahin hinten solide, traf dann die falsche Entscheidung, „Das war ein Foul und eine Bewegung“, sagte Sportdirektor Christoph Freund, niemand wollte beim Blick auf die eindeutigen Bilder lamentieren. Tuchel aber stellte klar: „Wir werden uns jetzt nicht gegenseitig beschuldigen.“

Upamecano wird schon alleine genug damit beschäftigt sein, die Geschehnisse zu verarbeiten – und in seinem Fall muss man sagen: mal wieder. Denn es ist nicht das erste Mal, dass der Franzose, aktuell gemeinsam mit Minjae Kim in der Innenverteidigung gesetzt, in wichtigen Spielen einen großen Bock einbaut. Im Frühjahr 2023 flog er gegen Gladbach vom Platz, noch schlimmer als die Notbremse waren die haarsträubenden Aktionen im Viertelfinal-Hinspiel der Vorsaison in Manchester. Auch Tuchel, damals trotz des 0:3 „schockverliebt“ in seine Mannschaft, erinnerte in Rom an die „heftigen Fehler“ von damals, ohne Namen zu nennen.

Ein Déjà-vu allerdings erlebte Upamecano auch neben dem Platz, die Reaktion folgte prompt und heftig. Noch bevor die Spieler das Olympiastadion verlassen hatten, veröffentlichte der Verein ein Statement, in dem er die rassistischen Beleidigungen, denen Upamecano in den Sozialen Medien ausgesetzt war, zurückwies. Später schickte Dreesen hinterher: „Das ist verabscheuungswürdig, diese Art von rassistischem Mob, das ist nicht der FC Bayern, nicht unsere Welt. Das ist etwas, was wir uns nicht gefallen lassen – deshalb möchte ich Sie um einen Applaus für unseren Upamecano bitten.“ Die klare Kante wird auch bei Upamecano angekommen sein. Mit Verzögerung und ein paar Stockwerke weiter oben, im Hotelzimmer. Kopf hoch, weitermachen!

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