Ist Tuchel noch der Richtige?

Mehr Unheil als Nutzen

von Redaktion

HANNA RAIF

In ungemütlichen Zeiten geht es um jedes Detail. Aber am Mittwochabend im Olympiastadion von Rom gab es eine einzelne Szene, die eigentlich alles aussagte. Auf dem Feld war ein Fehlpass von Joshua Kimmich gespielt worden, auf der Trainerbank herrschte pure Verzweiflung. Nachdem Thomas Tuchel die Hand ungläubig vor den Mund geschlagen hatte, vergrub er sein Gesicht in den Händen. Garniert mit einem Kopfschütteln haben diese Bilder das Potenzial, als Sinnbilder im Fall der Fälle immer wieder herausgekramt zu werden. Die einzige Frage, die sich dazu bei der Ankunft gestern Mittag in München noch stellte, lautete: Wann?

Die Antwort konnte zumindest für den Moment gegeben werden. Sie ist mehr oder minder konkret als „noch nicht“ zusammenzufassen, denn die kurzfristige Entscheidung pro Tuchel war schnell gefallen. Aus purer Überzeugung wurde sie nicht getroffen – die nackten Zahlen, die seine bald ein Jahr währende Amtszeit begleiten, sind alarmierend. Während sich sein Vorgänger Julian Nagelsmann 84 Spiele Zeit für zehn Niederlagen „nahm“, hat Tuchel diese Marke schon nach 43 Partien erreicht. Addiert man die fünf Unentschieden hinzu, steht ein Wert von einem Drittel nicht gewonnener Spiele. Zu viel für einen Bayern-Trainer. Eigentlich. Aber die Zeiten an der Säbener Straße sind kompliziert.

Der Mangel an Alternativen ist schon seit Monaten einer der gerne hinter vorgehaltenen Händen geäußerte Gründe, den Coach intern nicht schon früher infrage gestellt zu haben. Er ist auch jetzt aktuell – allerdings als Teil eines übergeordneten Problems. Denn die Bosse mussten einsehen, dass die Nachwehen diverser personeller Fehlentscheidungen nicht in einer einzigen Spielzeit zu behandeln sind. Alles, was da gerade passiert beim FC Bayern, steht in einem großen Zusammenhang.

Man ist bereit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Dazu gehört aber auch, überlegt zu handeln. Noch ist man sich einig in dem Empfinden, dass eine schnelle Entlassung Tuchels mehr Unheil als Nutzen bringen würde. Was nicht heißt, dass der Trainer fest im Sattel sitzt. Nach dem Spiel in Bochum wird neu bewertet, so dürfte es bis zum Ende der Saison gehen. Dass die Zusammenarbeit dann weitergeht, ist Stand heute schwer vorstellbar. Auch Max Eberl wird die Bilder aus Rom gesehen haben – und sich so seine Gedanken machen.

Hanna.Raif@ovb.net

Artikel 1 von 11