„Unseren Trainer kriegen sie nicht!“

von Redaktion

Der tiefblaue Roman Wöll über das Löwen-Hoch – bei gleichzeitiger Bayern-Krise

München – Schon die Wahl eines geeigneten Treffpunkts gestaltet sich schwierig. Ein Gasthaus soll es sein, so weit, so gut. Das vorgeschlagene Bräuhaus lehnt Roman Wöll jedoch ab. Die simple Begründung: „Paulaner – des is doch a Bayern-Bier.“ Kompromiss also: Das „Ayinger in der Au“. Dort erscheint Wöll (69) gut gelaunt und „in Dienstkleidung“, wie er sagt, sprich: mit 1860-Pulli und 1860-Button. Schließlich kann man ja beides gerade vorzeigen: Bei den Löwen läuft’s, die Bayern kriseln – wann gab es das zuletzt? Unser Interview mit einem sehr zufriedenen, tiefblauen Allesfahrer.

Herr Wöll, wann gab es das zuletzt, dass 1860 dreimal in Folge siegte – und der FC Bayern dreimal in Folge verlor?

Puh, das muss lange her sein. Ob’s das überhaupt schon mal gab, weiß ich nicht. Es ist auf jeden Fall eine schöne Situation. Wie Ostern und Weihnachten zusammen. So könnt’s weitergehen!

Wertet es einen Löwen-Sieg auf, wenn Bayern gleichzeitig verliert?

Unbedingt! Dann ist das Wochenende noch schöner. Letzten Sonntag zum Beispiel: Wir standen bei der Blauen Adria. Bayern in Bochum war noch nicht aus – bei 2:1 für Bochum hab ich dem Frieden noch nicht getraut. Und als es dann hieß: Endstand 3:2. Da konnte natürlich nicht mehr viel schiefgehen beim Heimspiel danach (das 1860 mit 1:0 gegen Halle gewann).

Mit Argirios Giannikis sind die Löwen jetzt seit sieben Spielen unbesiegt. Hätten Sie dem neuen Trainer so eine Serie zugetraut?

Na, den hat ja keiner gekannt. Ich hab nur gedacht: Vielleicht haut’s mit einem unbekannten Trainer hin. Weil: Die anderen haben wir schon alle durchgehabt.

Auch die Bayern brauchen einen neuen Trainer. Überrascht, wie es mit Thomas Tuchel gelaufen ist?

Überrascht nicht, nur erfreut. Ich bin froh, dass sie noch drei weitere Monate mit ihm weitermachen. Und vor allem hoffe ich, dass der Alonso standhaft bleibt. Leverkusen ist ja gerade mein zweitliebster Verein – wie jeder aktuelle Gegner der Roten. Klar ist auch: Unseren Trainer geben wir nicht her (lacht) – aber so weit runter schauen die auch nicht, glaube ich.

War Ihre Welt schon immer so stark unterteilt in blau und rot?

Eigentlich schon. Wo ich aufgewachsen bin (im Westend), war das normal. Und das lebe ich konsequent. Als der Jessi (Abwehrchef Verlaat) kam, hatte er rote Schuhe an – bis ich ihn darauf hingewiesen habe, dass das auf keinen Fall geht. Hat er dann auch eingesehen. Ich zum Beispiel würde auch nie ein Paulaner-Glaserl in die Hand nehmen, nicht mal mit dem Auto durch die Säbener fahren.

Und wenn das Navi es als günstigsten Weg anzeigen würde?

Ich benutzte gar kein Navi (lacht). Einmal wollte ein Bekannter, dass ich ihm helfe, ein kaputtes Auto abzuholen – der hat in Pöcking ein Autohaus und kennt sich nicht aus. Dann kam er und ich frage: Wo steht denn die Karre? Jetzt haben wir 6000 Straßen in München – und natürlich steht sie genau bei den Roten! Hab ich gesagt: Ich fahr dich zum Anfang – aber den Rest musst du alleine laufen.

Sind alle Allesfahrer solche Hardliner?

Eigentlich schon.

1860 spielt am Samstag ab 16.30 Uhr in Verl, Bayern um 18.30 Uhr gegen RB Leipzig. Schaut man auf der Rückfahrt im Bus?

Ich nicht. Aber mein Nebenmann. Der informiert mich dann auch. Ich will eh nur das Ergebnis wissen. Und wehe, es ist das falsche.

Haben Sie nie ein Bayern-Spiel ohne Löwen-Beteiligung angeschaut?

Doch, 1968. Gegen Fortuna Düsseldorf. Warum, weiß ich gar nicht mehr. Geistige Umnachtung (lacht). Ist aber hoffentlich verjährt inzwischen.

Gehen Sie davon aus, dass es noch mal echte Derbys geben wird?

Mei, ich hatte schon öfter gehofft, dass sie mal so eine richtige Seuche haben. Aber eher werden wir zweimal aufsteigen müssen. Ich hoffe, ich erlebe es noch. Im Oktober werde ich 70 – ein langes Leben wird erforderlich sein.

Ein kleiner Ausblick noch zum Abschluss?

Sportlich hoffe ich, dass es so weitergeht wie gerade – bei beiden Vereinen. Und bei uns hoffe ich, dass sich der tiefe Riss irgendwie kitten lässt. Der zieht sich durch Stammtische, durch die Kurve, durch Fahrgemeinschaften – politisch ist es Katastrophe. Eher kommen Russen und Ukrainer zusammen, brutal.

Interview: Uli Kellner

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