Camilla Kemp hat Geschichte geschrieben. Als erste deutsche Surferin wird sie Deutschland dieses Jahr bei den Olympischen Spielen vertreten. Nach dem Erfolg von Puerto Rico spricht die 28-Jährige im Interview mit unserer Zeitung über mentale Herausforderungen, Inspiration für kommende Generationen und die schwierige Olympia-Welle von Tahiti.
Camilla Kemp, Glück wunsch zur Olympia-Qualifikation. Es war harte Arbeit, zu Beginn lief nicht alles wie gewünscht.
Die neun Tage waren sehr stressig. Dir sind immer wieder neue Emotionen durch den Kopf gegangen. Am Tag der Olympiaqualifikation habe ich in der Hauptrunde verloren. Ich wusste zwar, dass ich noch eine Chance habe, aber dass es ein extrem schwieriger Weg ist. In dem Moment habe ich mir noch mal bewiesen, wie viel mein Körper aushalten kann und welche mentale Stärke ich mir erarbeitet habe.
Was ist das Schwierigste an einem Wettbewerb, der sich über so viele Tage streckt?
Es ist ein Sport, in dem du eigentlich wenig Kontrolle hast. Du hast keine Kontrolle über die Bedingungen, über die Welle. Du musst immer mit dem arbeiten, was die Natur dir gibt. Du musst dich immer wieder neu anpassen. Das macht es so reizvoll.
Wussten Sie nach dem entscheidenden Lauf direkt, dass es für die Olympischen Spiele reicht?
Vor dem Wettkampf habe ich mir vorgenommen, so wenig wie möglich auf mein Handy zu schauen. Ich wollte mich nur auf meine Leistung konzentrieren. Eigentlich dachte ich, ich muss noch eine Runde surfen, um eine Chance zu haben. Ich wusste also von nichts. Dann ist mein Coach Martin auf mich zugekommen und hat nur gesagt: Ich glaube, wir müssen nach Tahiti. Dann hat das ganze Team angefangen zu jubeln, das war super emotional. Ein riesiger Traum hat sich erfüllt.
Was hat Ihnen dieser Moment bedeutet?
Das sind die Momente, die alles wieder in die richtige Perspektive bringen. Es benötigt viel harte Arbeit, die die meisten Leute vermutlich gar nicht mitbekommen. Wir müssen viel aufgeben. Und man braucht viel Unterstützung. Ich habe mich für Olympia qualifiziert, aber dahinter steckt ein riesiges Team. Der Verband, meine Trainer, die Physios, Teammanager – alle haben alles gegeben für diesen einen Moment. Anders wäre es nicht möglich gewesen.
Sie haben Geschichte geschrieben als erste deutsche Surferin bei Olympia.
Es ist ein verrücktes Gefühl, dass man heutzutage in manchen Sachen noch die erste sein kann (lacht). Wir haben den nächsten Generationen gezeigt, dass es möglich ist. Das ist wirklich ein großer Schritt für das Surfen in Deutschland. Ich hoffe, ich kann viele deutsche Surferinnen dadurch inspirieren. Die Wellen sind für alle gleich. Träume können wirklich wahr werden. Hoffentlich schaffen es nach mir noch ganz viele aus Deutschland zu Olympia – und ich selbst auch noch ein paar Mal (lacht).
Bei den deutschen Männern hat sich Tim Elter für Olympia qualifiziert.
Es ist verrückt, dass wir zu zweit Team Deutschland bei Olympia repräsentieren. Ich habe jemanden an meiner Seite, der dieselben Emotionen erlebt hat. Ich kann das alles mit einem guten Freund teilen, das ist wunderschön. Das war wirklich das Traumszenario, jedes Puzzleteil hat sich zusammengefügt. Tim und ich haben uns gegenseitig hochgepusht, wir haben uns Kraft gegeben, den entscheidenden Schritt zu gehen. Tim ist so talentiert, er hat so eine große Zukunft vor sich. Wir wollen zusammen Deutschland auf die Surfkarte bringen.
Welche Bedingungen erwarten Sie auf Tahiti?
Jetzt fängt die harte Arbeit wieder an. Das ist noch mal ein anderes Level an Vorbereitung. Tahiti ist eine Welle, die alles vom Körper braucht. Man muss ins Extreme gehen. Die Welle muss man lernen. Wir werden sehr viel Zeit investieren, um uns an die Welle und die Wetterbedingungen zu gewöhnen. Mit meinen Trainern und Tim werden wir uns eine coole Base aufbauen. Wir hoffen, für Deutschland Medaillen zu holen. Das ist auf jeden Fall möglich.
Interview: Nico-Marius Schmitz