München – Einen Zeugen gibt es, der jedes Event in der Münchner Olympia-Eishalle miterlebt hat, weil er jeden Tag da war. Der Zeuge kann nicht sprechen, aber man sieht ihm die Geschichte an. Sie hat ihm viel Leid gebracht, doch er hat jedem Angriff getrotzt.
Der Zeuge ist eine schwere blaue Brandschutztür in den Katakomben der Halle. Und zwar auf der Seite, in der die Kabine für das Gastteam untergebracht ist. Die Tür ist die erste, der die Spieler auf dem Weg vom Eis dorthin begegnen. Und sie ist abgesehen von den unbezwingbaren Wänden aus Beton der erste Gegenstand, an dem man Wut ableiten kann. Über einen Rückstand, eine Niederlage, den Schiedsrichter, die Zuschauer, den Gegner. Die blaue Brandschutztür, gleich nachdem die Spieler abgebogen sind und sich den Blicken von den Rängen entzogen haben, ist komplett verbeult, über Jahrzehnte hat sich der Frust an ihr entladen, früher haben Holzschläger Dellen geschlagen, mittlerweile ist es Carbon.
Die blaue unverwüstliche Tür, sie ist die Konstante in einer Halle, deren Geschichte wiederum davon geprägt ist, dass das Münchner Eishockey vieles durchgemacht hat.
Der erste Club in der Halle: der FC Bayern
Zunächst war das Münchner Team in der Olympia-Eishalle der FC Bayern München, dem das Eishockey aber zu teuer wurde, weswegen er 1969 seine Spieler und die Ausrüstung für 130 000 D-Mark an den Augsburger EV verkaufte (just der Gegner im „Servus Eisstadion“-Spiel). Nach den Bayern kam der EHC 70 München, der bis 1983 durchhielt. Ihm folgte der EC Hedos, aktiv bis 1994, der für die neu geschaffene DEL gegründete Betrieb Maddogs schaffte es unter der Hedos-Schuldenlast nur eine halbe Saison. 1999 übernahm die amerikanische Anschutz Entertainment Group die Landshuter DEL-Lizenz und stellte den unterklassigen Münchner Platzhirschen ESC ruhig. Für drei Jahre hatte München dann das Spektakel Barons – ehe die Franchise nach Hamburg umzog.
Auf weitere Erstklassigkeit musste acht Jahre gewartet werden, dann hatte der EHC München, der zunächst HC 98 hieß und eine Alternative abseits des Profizirkus sein wollte, die DEL erreicht. 2012 war auch der EHC so pleite wie die meisten seiner Vorgänger, ihn rettete der österreichische Konzern Red Bull, zunächst mit einer Million Euro für das Namensrecht in der Saison 2012/13 und danach mit dem kompletten Einstieg. Jetzt gibt es den EHC Red Bull München, mit dem der alte EHC nicht mehr viel zu tun hat.
Die Olympia-Eishalle hübschte Red Bull noch ein wenig auf: neue Reporterkabinen, komfortablere Sitze statt der Gartenbänke, ein Videowürfel, der Fernsehbilder zeigen konnte und nicht nur Punkt-Punkt-Komma-Strich-Animationen, hinter der Tribüne eine auf Stelzen gestellte Fläche für die VIPs. Aber es war immer klar: Ein Neubau sollte her. Schon US-Unternehmer Phil Anschutz hatte dieses Ziel verfolgt – und den Standort München aufgegeben, als er merkte, dass sich so etwas nicht ruckzuck umsetzen lässt; er baute dann halt in Berlin, wo er sich die Eisbären kaufte. Auch Red Bull musste gegen Widerstände ankämpfen; fraglich, ob ohne den Garden und die Zusammenarbeit mit den Bayern-Basketballern die DEL-Zukunft zu sichern gewesen wäre.
Was aus der Olympia-Eishalle wird, dazu gibt es noch nichts Verbindliches. Es steht fest, dass die Eiszeit in ihr im April 2024 für immer endet. 1967 war sie als erstes Gebäude auf dem Oberwiesenfeld in Betrieb genommen worden, ihr Bau war schon vor dem Münchner Zuschlag für Olympia 1972 beschlossen und begonnen worden, sie passt auch architektonisch nicht zu den anderen Sportstätten im Olympiapark. Gewidmet war sie dem Eissport, obwohl sie durchaus Multifunktionsqualitäten hatte. Eine Tischtennis-WM fand in ihr statt, ein Rockfestival mit Led Zeppelin, bei dem Marihuana-Wolken vernehmbar gewesen sein sollen. 1972 wurde in der Halle olympisch geboxt, Dieter Kottysch gewann für die Bundesrepublik die erste Goldmedaille in diesem Sport. Noch in den Nullerjahren wurde hier gelegentlich gefäustelt (Marco Huck hatte einen WM-Kampf), in den Zehnerjahren fand ein Handball-Supercup in der Olympia-Eishalle statt (bei dem ein paar Eishockey-Trikots geklaut wurden!), die Bayern-Basketballer mieteten sich ein, als sie die Rudi-Sedlmayer-Halle – heute der BMW Park – noch nicht zur Verfügung hatten.
Die Olympia-Eishalle hatte immer das Zeug zum Stimmungsbunker – wenn sie voll war. Das Eishockey musste stets gegen das Misstrauen der Münchner anspielen, nicht jedes Projekt kam an. Bei den amerikanischen Barons wurden daher die Besucherzahlen frisiert, sozusagen auftoupiert. Dabei war der gebotene Sport sehr gut: 2000 wurden die Barons Deutscher Meister, wie vor ihnen einmal Hedos (1994) und danach der EHC Red Bull (2016, 17, 18, 23).
Doch seine eigentliche Blütezeit erlebte das Münchner Eishockey, als es zweitklassig war oder in der Bundesliga auf den hinteren Plätzen spielte.
Rock’n’Roll und weiße Handschuhe
1987 kam der EC Hedos in die 2. Liga Süd. Viele Fans des TSV 1860 München entdeckten in ihrem Frust über Bayernliga-Fußball das Eishockey für sich. Bei Hedos gab’s die große Show. Damals durften in einer Mannschaft nur zwei Ausländer spielen, in München waren das die Kanadier Scott MacLeod (Kennzeichen: weiße Handschuhe) und Doug Morrison, die in 54 Saisonspielen zusammen 157 Tore schossen – eine absurde Überlegenheit. In der Bundesliga waren es dann der kleine Dale Derkatch und Ken Berry, die für eine regelmäßig volle Halle (gut 6000 Plätze waren es offiziell) sorgten. Neben Paul Würges. Der war kein Eishockeyspieler, sondern ein Münchner Rock’n’Roller, genannt der deutsche Bill Haley. Ein Eishockeyspiel in München war in jeder Hinsicht eine laute, eine lärmende Angelegenheit. Kurioserweise ließ das Interesse nach, als das Team mit Stars wie Gerd Truntschka, Didi Hegen und Karl Friesen aufgerüstet wurde.
Oft herrschte ein Zwiespalt: Auf der einen Seite ein Kader für höchste Ansprüche und der Traum der Verantwortlichen, Eishockey in München in der oberen Gesellschaftsschicht zu etablieren. Bei den Barons gab es Überlegungen, aufs Eis ein Orchester zu setzen und auf den Rängen professionelle Chöre zu platzieren. Auf der anderen Seite war da immer die Halle mit ihrem Arbeiterklassen-Ambiente, der Kälte, die vom Eis hochkroch, dem schmucklosen Umlauf mit den überlasteten Kiosken, an dem sich die vom Tag Ausgehungerten in die Schlange für ein staubiges Vinschgerl der lange im Olympiapark regierenden Haberl-Gastronomie drängten.
Die Fans auf den Stehplätzen klagten nicht darüber, wie es war, über Jahrzehnte ertrugen sie stoisch auch den Parkplatzkampf rund um den Olympiapark, der zu manchem Verkehrskollaps führte. Nun erfolgt der Umzug an das andere Ende der Anlage, zur Parkharfe, da wird sich vieles entkrampfen.
Im Garden wird alles weitläufig und bequem sein, eine neue Realität, so makellos wie in einem Videospiel. Die Gästemannschaften bekommen eine ansprechende Kabine, die nicht so aussieht wie die Turnhallen-Umkleide einer Schule; die Schiedsrichter müssen zum Videobeweis nicht mehr in eine Rumpelkammer mit schrägen Wänden, in der sie kaum aufrecht stehen können.
Es beginnt etwas Neues, was allerdings auch bedeutet, dass man einen Teil seiner Geschichte zurücklässt.
Eigentlich sollte man die blaue verbeulte Brandschutztür aus der Olympia-Eishalle mitnehmen.