München – Nun beginnt sie also, die heißeste Zeit des Eishockey-Jahres. Am Samstag (19.30 Uhr) startet der EHC Red Bull München in Wolfsburg ins Playoff-Viertelfinale. Chefcoach Toni Söderholm sprach darüber im Interview.
Herr Söderholm, Ihre Mannschaft hatte noch ein paar Tage Zeit zum Abschalten vor dem Playoffstart. Sie auch?
Nicht viel. Dabei waren wir jetzt in der Situation, dass wir den Gegner schon eine ganze Weile kennen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was besser ist. Wir konnten uns sehr viel anschauen. Das macht es nicht immer effektiver.
Zumal Wolfsburg für den EHC in Playoffs ohnehin ein alter Bekannter ist …
Ja, allein, wenn man sich die beiden Mannschaften über die vier Spiele dieser Hauptrunde anschaut – das ist megaeng. Ein Punkt Unterschied in der Tabelle sagt schon viel. Wir haben in vier Spielen fünf Tore geschossen, Wolfsburg sechs. Das ist schon viel Arbeit. Viel Taktisches, viele Einzelgespräche.
Kann man den jeweils anderen noch überraschen?
Eine taktisch komplett neue Aufstellung kann man sicher nicht zaubern. Letztlich verlängert es die Reaktionszeit auf dem Eis, wenn ein Spieler nicht weiß, wo er hin muss. Da ist die Zeit dann doch zu knapp. Aber man versucht, Kleinigkeiten zu finden. Zum Beispiel die Stärken und Schwächen des Gegners.
Anders als zuletzt haben Sie nicht den Heimvorteil. Ein Faktor?
Das ist schon ein Punkt, weil wir zu Hause meistens gut gespielt haben. Deswegen haben wir vor den beiden letzten Spielen auch gesagt, dass wir den Heimvorteil holen wollen. Das hat leider nicht geklappt, aber das ist so ein Punkt, den wir überwinden müssen. Wir haben in der Hauptrunde auch einmal in Wolfsburg gewonnen.
Ihre ersten acht Monate in München sind vorbei. Waren sie überraschend, oder doch das Erwartete?
Vieles von dem, was ich mir vorgestellt habe, ist auch eingetreten. Okay, man weiß nie, wie eine Mannschaft nach einer Meisterschaft reagiert. Wir sind ganz gut gestartet, haben aber teilweise bei unseren Erfolgen nicht so gut gespielt. Nach den ersten zehn Spielen der Hauptrunde gab es ein kleines Tief. Da haben wir ein bisschen den Anschluss verloren.
Für wen war der Eingewöhnungsprozess schwieriger? Die Mannschaft oder den Trainer?
(lacht) Puh, das ist eine gute Frage. 50:50?. Am Anfang ist alles neu, alles aufregend. Aber man lernt mehr, wenn die Spieler müde werden. Und die Spieler lernen mehr, wenn Niederlagen kommen und sie sehen, wie alles analysiert wird. Wir hatten immer einen offenen Dialog mit den Führungsspielern. Über Taktik, über Trainingsinhalte – ich beziehe die Spieler sehr gerne mit ein.
Abgesehen von der Episode in Bern waren Sie bisher vor allem Nationaltrainer. Ein Turniertrainer …
Das sind zwei komplett unterschiedliche Jobs. Mit der Nationalmannschaft spielst du praktisch ein Playoff mit vier Wochen Vorbereitung. Ansonsten versuchst du einfach, so viele Spiele wie möglich zu sehen, die Spieler so gut wie möglich kennen zu lernen, ihre Stärken und Schwächen zu verstehen. Im Club begegnet man den Spieler öfter in seiner jeweiligen Situation. Sei es nach Siegen oder Niederlagen, Verletzungen, Höhen, Tiefen oder vielleicht familiären Problemen. Mit vielem davon hast du als Nationaltrainer nichts zu tun. Die Spieler kommen freiwillig, sind hoch motiviert. Nicht, um für einen neuen Vertrag zu kämpfen. Sie wollen international spielen, sich beweisen. In dieser sehr kurzen Zeit ist es aber schwieriger, das Heft in der Hand zu behalten, als wenn du täglich mit ihnen arbeitest. Das ist, was ich wollte.
In München haben Sie das Erbe von Don Jackson angetreten. Wie schwer wog der Schatten?
Für mich war es ein schönes Erbe, schließlich war das Haus hier sehr gut gebaut. Aber natürlich ist solch ein Erbe auch eine Herausforderung. Zum einen erwarten alle, dass es einfach so weitergeht. So einfach ist das aber nicht. Das hat man in der letzten Saison auch in Berlin gesehen, die als amtierender Meister einen Dämpfer bekommen haben und sich nicht für die Playoffs qualifizieren konnten.
Dass Don Jackson zeitweilig mit auf der Bank stand, sorgte für Aufsehen …
Klar, aber es ist nicht so, dass er vorher nicht präsent war. Er besuchte uns oft in der Kabine, wir haben uns von Mai bis Dezember laufend mit Nachrichten ausgetauscht. Er hat seine Meinung gesagt. Das ist seine Aufgabe. Das hilft sehr. Es ist wie eine Wand, an die man einen Ball wirft, man bekommt ihn garantiert zurück. Am Ende geht es doch darum, ob die Spieler alles haben, damit sie gut performen können.
Die Hauptrunde war ein wilder Mix aus guten und schwächeren Spielen. Was haben Sie hier gelernt?
Ich schaue nicht nur darauf, ob wir ein Spiel gewonnen oder verloren haben. Ich frage mich: Hatten wir die Möglichkeit, ein Spiel zu gewinnen? Und da hatten wir ein paar Spiele zu viel, wo wir die Chance hatten und sie nicht genutzt haben. Das musst du herauskitzeln.
Es dürfte nicht geholfen haben, dass sich Verletzungen durch die gesamte Saison zogen. Selbst Ihr Assistent Pekka Kangasalusta fehlt verletzt.
Das ist immer eine Herausforderung. Ich denke, vor allem auf der Centerposition hat es uns geschadet, dass zum Beispiel Ben Smith zweimal länger ausgefallen ist. Auch in der Unterzahlformation haben uns teilweise sehr wichtige Spieler gefehlt. Aber das soll keine Ausrede sein.
Einmal lagen die Ausschläge extrem nahe beieinander. Einem 2:7 in Augsburg folgte ein 5:1 gegen Mannheim. Wie sind Sie damit umgegangen?
Man muss auch darauf schauen, was vorher war. Zwei Tage vor der Niederlage in Augsburg sind wir im Champions League-Achtelfinale gegen den späteren Sieger Genf ausgeschieden. Das hat sicher einige beschäftigt. Und plötzlich fehlen Kleinigkeiten, die entscheidend sein können. Aber das 2:7 in Augsburg war natürlich ein Moment, wo die Dinge im Anschluss direkter angesprochen wurden.
In den Krisenmomenten hat sich die Kritik teilweise maßgeblich an Ihnen selbst entzündet. Nehmen Sie so etwas wahr?
Ich habe ein Problem mit dem Wort Krise. Wir haben Krisen in der Welt, unser Sport hat damit nichts zu tun. Wir hatten schwächere Momente und sehr enttäuschende Momente gehabt. Natürlich weiß ich das und ich weiß, was der Anspruch ist. Aber es hilft mir nicht, da zu viel reinzuhören. Zu lesen. Das macht mich als Trainer nicht besser. Wenn wir verlieren, muss mir keiner sagen, dass er enttäuscht ist. Eine Niederlage ist immer eine Ohrfeige. Meine Aufgabe ist es, Lösungen zu finden.
Wie gehen Sie mit Enttäuschungen um?
Manchmal dauert es länger. Da brauchst du ein, zwei Tage. Nach dem Champions-League-Aus in Genf hat es länger gedauert. Oder nach der Niederlage in Augsburg. Oder nach dem Spiel in Berlin, wo wir fünf Alleingänge haben und verlieren. Ätzend.
Wie bekommen sie den Kopf frei?
Gute Frage. Zum einen lege ich den Laptop zur Seite. Wie bei Spielern gibt es auch bei Trainern Momente, in denen man nicht bereit zur Analyse bist. Dann musst du es einfach sein lassen. Dann ist es besser, Laufen zu gehen und vielleicht selbst zu trainieren. Manchmal braucht es auch Gespräche mit Freunden oder Kollegen. Manchmal nimmt man den Kapitän zur Seite und tauscht sich aus. Es gibt mehrere Wege.
Schließen wir den Kreis – was muss nun passieren, um die Saison noch zu einer guten zu machen?
Man kann sich in der Playoffzeit noch sehr stark entwickeln, weil das Mentale noch dazu kommt. Der unbedingte Wille, zu gewinnen. Da kann man als Mannschaft stark zusammenwachsen. Wer weiß.
Interview: Patrick Reichelt