„Horner schadet Red Bull immens“

von Redaktion

Ralf Schumacher über die schwelende Affäre, Verstappen und Neffe Mick

München – Er ist einer der größten Szenekenner der Formel 1. Und Ralf Schumacher ist besorgt über die nicht enden wollenden Nebengeräusche in der Königsklasse. Deren Folgen auch für seinen Neffen Mick von Bedeutung sein könnten, wie Schumacher im Interview erklärt.

Herr Schumacher, die angebliche Sexaffäre um Red-Bull-Teamchef Christian Horner ist das Hauptthema in der Formel 1 im Moment: Wie gehen Sie als Experte und Formel-1-Gesicht von Sky damit um?

Ralf Schumacher (48): Was ich schade finde: Die Causa Christian Horner überstrahlt alles. In Bahrain wurde das allzu deutlich. Erst am Renntag wurde ein wenig über den Sport geredet. Was mich auch stört: Eine objektive Bewertung ist schwierig, weil die Transparenz völlig fehlt.

Aber Sie haben Ihre Meinung schon deutlich zum Ausdruck gebracht: Horner müsse zurücktreten …

…für mich wurde es problematisch, als er sich in der PK in Saudi-Arabien als Opfer darstellte. Es tut mir leid für seine Familie, ja, aber es gab nur einen, der das Ganze ausgelöst hat: Nämlich er. Dass sich seine persönliche Assistentin und er sehr nahegekommen sein müssen, ist, glaube ich nicht mehr von der Hand zu weisen. Ich kann nicht akzeptieren, dass er immer wieder sagt, er wolle nicht im Detail drüber reden. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, was meine Scheidung betrifft: Ja, am Anfang ist es schwierig. Igendwann kommt der Zeitpunkt, darüber reden zu müssen, weil es am Ende das beste für alle Parteien ist. Von der Mitarbeiterin Horners beispielsweise hört man gar nichts und das ist nicht gut. Keiner spricht von ihr. Fest steht: Solange dieses Chaos bleibt, schadet es Red Bull immens. Horner hat ja gesagt, dass niemand wichtiger sei als das Team. Deshalb sollte er so schnell wie möglich zurücktreten.

Das Erbe von Dietrich Mateschitz steht ja gerade beim Machtkampf zwischen Thailand und Österreich auf dem Spiel.

So weit würde ich im Moment noch nicht gehen. Aber alles sollte so schnell wie möglich geklärt werden. Es würde keinem schaden, wenn er geht. Für die Marke Red Bull wäre es wichtig.

Max Verstappen hat sich im Machtkampf öffentlich klar zu Helmut Marko bekannt. Wie finden Sie das?

Sehr gut. Es sollte selbstverständlich sein, dass ein Fahrer eine klare Meinung hat. Max hat nicht vergessen, wer ihn gefördert hat, wer ihn unterstützt hat. Das war Helmut Marko, nicht Christian Horner. Max weiß genau, was intern passiert ist. Er weiß auch, dass die Gefahr groß ist, dass Technikgenie Adrian Newey auf Grund der ganzen Querelen bald keine Lust mehr hat bei Red Bull zu bleiben. Auf ihn kann Red Bull am wenigsten verzichten. Auf Horner schon.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff könnte am Ende der große Gewinner sein: Indem er Max Verstappen bekommt und damit mehr als einen gleichwertigen Ersatz für Lewis Hamilton gefunden hätte, der zu Ferrari wechselt. Besteht diese Möglichkeit?

Die Chancen sind groß. Denn wo soll Verstappen hin, wenn er nicht mehr bei Red Bull bleiben will? Ferrari ist zu, Audi ist noch zu weit weg von Konkurrenzfähigkeit. Bleibt also Mercedes. Ich glaube, dass Max mit seiner natürlichen, ehrlichen Art sehr gut zu Mercedes passen würde. .

Könnte Verstappen auf Anhieb gewinnen?

Dafür sind sie im Moment zu weit weg. Schon das dritte Jahr in Folge. Man merkt, dass Toto Wolff bei Interviews oft resignierend wirkt. Irgendwie haben die Techniker von Mercedes immer noch nicht das neue Fahrzeugkonzept verstanden. Selbst wenn Max wirklich 0,3 Sekunden schneller ist als der Rest, würde es im Moment nicht zum Sieg reichen.

Ihr Neffe Mick ist offizieller Ersatzfahrer von Mercedes: Wie schätzen Sie seine Chancen ein?

Ich kann nur hoffen, dass er in den Überlegungen von Mercedes als Hamilton-Ersatz zumindest eine Rolle spielt. Ich denke, falls Verstappen doch bei Red Bull bleibt, wird die Leistung von George Russell entscheidend sein. Wenn es so bleibt, dass er stärker ist als Hamilton, traut man ihm eine Führungsrolle im Team zu und kann dann das zweite Cockpit mit einem aufstrebenden Talent besetzen. Mit Mercedes-Junior Kimi Antonelli etwa oder mit Mick, der ja in den Nachwuchsklassen aber auch in mehreren Rennen in der Formel 1 bewiesen hat, dass er es kann. Wenn nicht, wird es schwierig und man braucht einen erfahrenen Kämpfer wie Carlos Sainz oder Fernando Alonso.

Wie sehr hilft es, dass in Saudi-Arabien der 18 Jahre alte Brite Oliver Bearman auf Anhieb bei Ferrari als Sainz-Ersatz so einen tollen Job machte und am Ende fast schon sensationell Siebter wurde?

Er ist kein Zufallsprodukt, ist super ausgebildet. Der Ferrari hat zu ihm gepasst, weil er nicht so schwierig zu fahren war. Trotzdem hat er einen tollen Job gemacht. Ich hoffe, dass der Mut auch bei anderen Teamchefs wachsen wird.

Trauen Sie Lewis Hamilton zu, bei Ferrari eine ähnliche Ära zu starten, wie Ihr Bruder das getan hat?

Eine gute Frage. Eins steht fest: Fred Vasseur, als Teamchef jetzt das zweite Jahr im Amt, hat den Weg geebnet. Das Auto ist besser geworden, im Team ist Ruhe eingekehrt und er tut alles, um Ferrari in Zukunft mit neuen Technikern noch stärker zu machen. Entscheidend aber ist: Wie gut ist Lewis Hamilton noch? Wie motiviert ist er noch? Er erwartet, dass man alles dafür tun wird, dass er sich wohl fühlt, dass er die Nummer 1 im Team ist. Ich glaube aber nicht, dass Charles Leclerc sich als zweiten Piloten bei Ferrari sieht. Für ihn ist es eine Zerreißprobe. Er muss Hamilton schlagen, der sich eher auf der Zielgerade der Karriere befindet. Leclerc hat aber Vorteile: Er ist Ferrari-Zögling, spricht Italienisch. Deshalb wird es spannend zu sehen sein, wie sich alles entwickelt.

Wie wichtig war es für Audi, sich mit dem Erwerb von 100-Prozent-Anteilen voll zur Formel 1 zu bekennen?

Sehr wichtig. Wir reden ja im Moment darüber, wie schlecht gerade die Renault-Tochter Alpine performt. Aber Sauber, das zukünftige Audi-Team, ist ja kaum besser. Deshalb ist es wichtig, sofort die richtigen Stellschrauben zu drehen. Projektleiter Andi Seidl muss mit dem eisernen Besen durch die Fabrik in der Schweiz fegen.

Interview: Ralf Bach

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