Nagelsmanns Zukunft

Diskussion zur falschen Zeit

von Redaktion

JAN-CHRISTIAN MÜLLER

Julian Nagelsmann hat einiges an Kritik kassiert, als er offen über seine Zukunft sprach, die möglicherweise nichts mehr mit der Fußball-Nationalmannschaft zu tun hat. Er habe, so lautete ein Vorwurf, mit solchen Aussagen die Aufbruchstimmung untergraben. Das ist, mit Verlaub, Unfug. Denn Aufbruchstimmung herrscht nämlich aktuell allenfalls, weil Adidas eine stimmige Trikotkampagne auf allen Kanälen veranstaltet. Und vielleicht ein bisschen noch, weil der Bundestrainer ein paar unverbrauchte Neulinge zu sich gerufen hat.

Aufbruchstimmung wegen guter sportlicher Performance könnte es bestenfalls ab Samstag geben, sollte das DFB-Team das Darben beim Test in Frankreich überwinden. Sicher ist das nicht. Klar, irgendwie mit Nagelsmanns Zukunft hat auch diese Partie und die am Dienstagabend in Frankfurt gegen die Niederlande zu tun. Denn zwei neuerliche Niederlagen würden umso mehr die Frage aufwerfen, weshalb der DFB dieses Fass ohne erkennbare Not überhaupt aufmacht und über eine gemeinsame Zukunft mit einem Trainer fabuliert, der bisher rein gar nichts erreicht hat. Die Debatte hört sich aktuell verdächtig wie eine Lose-lose-Situation an.

War doch vorher alles gut so: Vertrag bis nach der EM ohne weitere Bedingungen. Erinnern wir uns ans Sommermärchen 2006. Seinerzeit war im Grunde klar, dass der Gute-Laune-Onkel und Brachialreformer in Personalunion, Jürgen Klinsmann, nach dem WM-Turnier im eigenen Land wieder in seinen Stammsitz am schönen Strand von Kalifornien entfleuchen würde. Was er dann auch tat, was aber der Hochstimmung zuvor keinerlei Abbruch getan hatte. Ein besserer Nachfolger fand sich ohnehin.

Oder vier Jahre später: Auch Joachim Löw legte eine astreine Weltmeisterschaft 2010 hin, obwohl er und Manager Oliver Bierhoff sich im Vorfeld böse mit dem damaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger wegen der finanziellen Ausstattung der Vertragsverlängerung in die Wolle gekriegt hatten. Also verlängerte man erst nach dem Südafrika-Turnier. Den Spielern ist es ohnehin schnurz, wie lange so ein Trainervertrag läuft. Was hat es 2018 gebracht, dass Löw just kurz vor der WM bis 2022 verlängert hatte? Nix! Was hat es 2023 geholfen, dass Martina Voss-Tecklenburgs Kontrakt eilig vor Turnierstart verlängert wurde? Gar nix! Hat alles den DFB bloß viel Geld gekostet und Löw und Voss-Tecklenburg eine Menge Nerven und ein Stück ihrer Reputation.

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