München – In goldenen Lettern prangte der Schriftzug „Noch 83 Tage“ auf den Aufwärmjacken der deutschen Nationalmannschaft. Der Countdown zur Heim-EM ist also eingeläutet – und das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann hat es mit dem starken 2:0 (1:0) gegen Vize-Weltmeister Frankreich geschafft, dass sehnsüchtig heruntergezählt wird.
Ein einstudiertes Blitz-Tor von Florian Wirtz (siehe unten) und eine sehenswertes Youngster-Kombination über den Leverkusener und Jamal Musiala, die Kai Havertz stark vollendete, machten den schwarz-rot-goldenen Fußballabend in Lyon perfekt. „Das hat schon nach ein paar Sekunden unglaublichen Spaß gemacht. Das war mit das Beste, was wir in den letzten Jahren gespielt haben“, frohlockte Sportdirektor Rudi Völler.
Euphorie statt Krise also – und Fußball-Deutschland fragt: Ist das wirklich wahr? Selbst Weltmeister-Trainer Didier Deschamps war beeindruckt und ließ mit seiner Analyse aufhorchen: „Die Realität ist einfach die, dass wir mit den Deutschen nicht mitspielen konnten. Ein Bravo für die deutsche Mannschaft. Das deutsche Team hat den Sieg verdammt verdient.“
Musik in den Ohren des Bundestrainers, der seine Mannschaft mit einem klaren System (4-2-3-1), einem klaren Plan und einer klaren Hierarchie auf den Platz schickte. „Ich bin sehr, sehr zufrieden – auch mit der Art und Weise, wie wir uns reingehauen haben. Das war ein Topspiel“, lobte Nagelsmann seine Truppe. Dass die Mannschaft zum ersten Mal in dieser Formation zusammenspielte – Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger, DFB-Novize Maximilian Mittelstädt auf links, Toni Kroos und Robert Andrich auf der Doppelsechs und Ilkay Gündogan auf der Zehner-Position –, war ihr zu keinem Zeitpunkt anzumerken. Stattdessen sah man ein Team, das die Fans begeisterte. „Wir haben einen guten und wichtigen Schritt nach vorne gemacht. Es war eine Chance, sich Richtung EM ein gutes Gefühl zu holen. Es wurde einiges geändert. Es war die Frage, ob diese Veränderungen so schnell Früchte tragen“, erklärte Mittelfeldchef Toni Kroos.
Nach der Gala gegen die offensivstarken Franzosen, die nur in kurzen Phasen gegen die stabile DFB-Defensive gefährlich waren, scheinen die blamablen November-Auftritte gegen die Türkei und Österreich vergessen. „Es ist immer wichtig, in den negativsten Erlebnissen Dinge herauszuziehen, die einem was für die Zukunft bringen. Und das haben wir im gesamten Team getan, aber auch in der Kommunikation mit der Mannschaft“, sagte Nagelsmann und ergänzte: „Das ist ja nicht nur eine Trainergeschichte. Ich hatte schon nach der USA-Reise gesagt, dass wir Veränderungen brauchen.“
Die Krise habe also „schon etwas Gutes gehabt. Die Mannschaft und die Öffentlichkeit waren bereit für etwas Neues“, so Nagelsmann weiter. Man müsse, unabhängig vom Spiel, an den Weg glauben, betonte der Bundestrainer: „Jetzt haben wir natürlich einen Push an Selbstvertrauen bekommen. Von der Zusammenstellung her sind wir auf einem guten Weg.“
Wie gut dieser wirklich ist, wird der nächste Härtetest auf dem Weg zur Europameisterschaft am Dienstag zeigen: Dann trifft die Nationalmannschaft in Frankreich auf die Niederlande (21 Uhr, RTL) – und es sind noch 80 Tage bis zur EM.