Vom Querpass- zum Steilpass-Toni

von Redaktion

Rückkehrer Kroos glänzt als Lenker und Kämpfer

VON MANUEL BONKE

Lyon – Als Toni Kroos in der 89. Spielminute für Waldemar Anton ausgewechselt wurde und das Spielfeld verließ, gab es sogar von den französischen Fans Sonderapplaus im Groupama Stadion. Aus dem deutschen Fanblock schallten „Toni-Kroos!“-Rufe. Allen war nach dem Gala-Auftritt des DFB-Rückkehrers klar: Deutschland hat endlich wieder einen unantastbaren Mittelfeldchef.

Nicht nur wegen seiner Torvorlage mit dem ersten Ballkontakt zeigte der 34-Jährige eine KROOSartige Leistung –- auch seine Statistik war schlichtweg beeindruckend: Er hatte 143 Ballkontakte und eine Passquote von 95 Prozent. Von 128 Pässen kamen 121 bei den Mitspielern an. Bundestrainer Julian Nagelsmann kommentierte den Auftritt des erfolgreichsten deutschen Spielers aller Zeiten wie folgt: „Unfassbar, ehrlich gesagt! Was er mit dem Ball kann, wissen wir alle. Aber auch wie er sich in die Zweikämpfe reingehauen hat. Die Bereiche, die man ihm in der Vergangenheit vielleicht abgesprochen hat, waren überragend.“ Der Spanien-Legionär sei auch defensiv sehr stabil gewesen und mit Ball am Fuß „der Taktgeber“.

In der Tat: Kroos bestimmte das deutsche Spiel nach Belieben. Wenn er beschleunigen musste, kurbelte er das Spiel an. Wenn die DFB-Elf Ruhe benötigte, sorgte Kroos dafür – und war sich auch nicht zu schade, den Ball auf die Tribüne zu schießen. Kurzum: Der Maestro von Real Madrid traf in jeder Situation die richtige Entscheidung. Alle Fäden liefen beim Sechser zusammen. Er ließ sich im Spielaufbau fallen, um die Bälle aus der Abwehr abzuholen und war dadurch Dreh- und Angelpunkt.

„Rudi Völler hat gesagt“, berichtete Bundestrainer Julian Nagelsmann ganz beseelt von der Gala seines neuen Bosses, „dass der Toni seit seinem 18. Lebensjahr Eiswürfel pinkelt“. Soll heißen: Kroos ist besonders cool. Was dem Bundestrainer darüber hinaus gefällt: „Man merkt es ihm nicht an, dass er so erfolgreich ist. Er gliedert sich in die Gruppe ein – es macht gar keinen Unterschied.“ Oder um es mit den Worten von DFB-Neuling Deniz Undav zu formulieren: „Die Leute können froh sein, dass er sich noch einmal umentschieden hat und für uns spielt.“ Und kurzerhand auch noch vom Querpass- zum Steilpass-Toni wird – siehe die Blitz-Vorlage zum 1:0 von Florian Wirtz.

Und was sagt der Rückkehrer selbst zu seinem Comeback? „Es wurde einiges geändert. Das war ja ein bisschen so die Frage, ob das schnell Früchte tragen kann. Wir hatten eine wirklich gute Trainingswoche, aber das haben wir ja schon oft gehört. Wir konnten das aber super ins Spiel mitnehmen“, gab sich Kroos gewohnt bescheiden. Und versuchte, die Aufmerksamkeit auf seine Teamkollegen zu lenken: „Wenn ich Maximilian Mittelstädt sehe, wie abgeklärt er das bei seinem ersten Länderspiel gemacht hat, das ist absolut hervorzuheben. Deshalb können wir auch absolut zufrieden sein.“

Sportdirektor Völler wollte dann aber doch den Weltmeister von 2014 noch einmal extra hervorheben: „Die Rückkehr von Toni Kroos war natürlich wichtig, die Diskussion war groß in den letzten Wochen. Er hat eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er nicht nur für Real Madrid, sondern auch für Deutschland wunderbare Leistungen bringen kann. Er hat das unglaublich gemacht. Er war der große Regisseur hinten.“

Kroos weiß, dass er nun an dieser Leistung gemessen wird. Der Test gegen die Niederlande am morgigen Dienstag (21.00 Uhr, RTL) bietet die nächste Gelegenheit.

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