München – Die Reise mit der Nationalmannschaft war für Alphonso Davies in der aktuellen Abstellperiode nicht so lang wie sonst – aber extrem wichtig. Seit Samstagabend und dem 2:0 in Trinidad und Tobago steht fest, dass der 23-Jährige mit seinem Heimatland Kanada im Sommer an der Copa America teilnehmen wird. Anpfiff des Turniers in den USA ist am 20. Juni, Abpfiff am 13. Juli. Ein mögliches Szenario, das die südamerikanische Kontinentalmeisterschaft begleitet: Davies fliegt als Spieler des FC Bayern über den großen Teich – und kehrt als Profi von Real Madrid zurück.
Verträge werden in der Fußballbranche bekanntlich zum 1. Juli geschlossen, und der Kontrakt, den Davies eigentlich bis 2025 in München besitzt, wird bis dahin – so oder so – überarbeitet worden sein. Dass man ist in der Chefetage an der Säbener Straße mit seiner Geduld in den zähen Verhandlungen mit Davies allmählich am Ende ist, hatte der neue Sportvorstand Max Eberl bereits vergangene Woche durchblicken lassen (Zitat via „Sport Bild“: „Irgendwann im Leben muss man Ja oder Nein sagen“), auch intern wurde dem Kanadier mitgeteilt, dass man eine zeitnahe Entscheidung wünsche. Eberl, seine Vorstandskollegen und Sportdirektor Christoph Freund pochen in diesem Fall auf Klarheit, ist aus den oberen Kreisen zu hören, ein Bauchgefühl hat sich in der Causa Davies allerdings schon längst breitgemacht. Wie unsere Zeitung erfuhr, geht man nach Kaugummi-Verhandlungen über ein gutes Jahr, viel öffentlichem Gerede und vor allem mit Blick auf das lange Zögern, eine Unterschrift unter den druckreifen Vertrag bis 2029 (Jahresverdienst rund 14 Millionen Euro) zu setzen, eher von einem Abgang als von einem Verbleib aus. Als möglichen Ersatz hat Bayern unter anderem den derzeit von Chelsea an den BVB verliehenen Ian Maatsen auf dem Schirm.
Davies’ Ziel, Real, ist bekannt – und die Bayern wollen und müssen lieber heute als morgen wissen, ob sie die bis zu 50 Millionen Ablöse für Davies einkalkulieren können. Einen Kader mit Weltklasse-Format zu bauen, ist ohnehin schon keine leichte Aufgabe. Ihn unter Zeitdruck und – Stand jetzt – ohne Trainer für die kommende Spielzeit zu bauen, ist für Eberl und Freund eine Mammutaufgabe. Man will sie mit einer Mischung aus fester Achse, jungen Wilden sowie alten und neuen Stars meistern, vereint sollen die Kaderspieler in dem Willen sein, alles für diesen Verein zu geben. Eberl möchte „Spieler haben, die für Bayern München stehen, die Lust haben, sich mit dem Verein zu identifizieren“. Intern hat man sich darauf geeinigt, bei Neuzugängen in puncto Qualität ein paar Prozentpunkte weniger in Kauf zu nehmen, wenn diese Komponente stimmt. Technik ist nicht alles, die Persönlichkeit dazu muss stimmen. Unter diesem Credo wird der Kader beäugt. In der „Sportschau“ sagte Bastian Schweinsteiger: „Allein einen Trainer auszutauschen, das reicht nicht. Der FC Bayern muss auch in der Kaderplanung was verändern.“
Eberl hat genug Erfahrung, um zu sagen: „Wenn ein Spieler nicht mehr hier sein möchte, muss man Entscheidungen treffen.“ Ein Satz, der auch an Davies gerichtet war, der das erste Puzzleteil ist. Die Frage „welche finanziellen Möglichkeiten haben wir, um auf vielen Positionen unsere Wünsche zu realisieren?“ hängt auch von dem Mann ab, den Eberls Vorgänger Hasan Salihamidzic als Säule für die Bayern-Zukunft eingeplant hatte – und über den Lothar Matthäus gestern sagte: „Aus sportlicher Sicht würde ich ihn behalten.“ Trotzdem wird der Flieger aus den USA wohl im Sommer direkt nach Madrid gehen.
VON HANNA RAIF, MANUEL BONKE UND PHILIPP KESSLER