München – Als Thomas Tuchel die Worte sprach, die ihn persönlich betrafen, war Leroy Sané – weit nach seinen Teamkollegen – gerade erst unter die Dusche gegangen. Denn wann immer sich am Samstagabend nach dem frustrierenden 0:2 (0:1) des FC Bayern im Topspiel gegen Borussia Dortmund die Tür zwischen Spielerbereich und Ausgang geöffnet hatte, hatte man den 28-Jährigen am selben Platz stehen sehen. Eine dicke Jacke über dem Spiel-Outfit, Schlappen an den Füßen – und sehr viel Frust im Gesicht. Es wirkte, als wäre Sané da, unweit des Spielfeldes, auf dem für ihn (mal wieder) wenig bis gar nichts zusammengelaufen war, auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, die sich aufdrängt. Sie lautet schlicht und ergreifend: Warum?
Mit den Zahlen, die die derzeitige Form des Nationalspielers begleiten, wurde auch Tuchel konfrontiert – und der Trainer beteuerte: „Leroy kennt die Statistik.“ Sie liest sich nicht gut, um genau zu sein liest sie sich miserabel, denn Sané ist inzwischen seit 23 Pflichtspielen und 155 Tagen ohne eigenen Treffer. In der Liga netzte er das letzte Mal am 28. Oktober des Vorjahres beim 8:0 gegen Darmstadt ein, eine ganze Halbserie ist er also schon auf der Suche nach der Treffsicherheit, die ihn zum Saisonstart in der Startelf von Tuchel unverzichtbar gemacht hatte. Keine fünf Monate ist es her, als Sportdirektor Christoph Freund ihn als „besten Leroy Sané, den es je gab“, bezeichnet hatte. Davon war gegen Dortmund – und auch in den Wochen zuvor – so wenig zu sehen, dass er nach der Rückkehr von Serge Gnabry und Kingsley Coman nicht nur im roten Trikot, sondern auch mit Blick auf die EURO im DFB-Dress um seinen Platz bangen muss. Schon wieder – muss man nach verpasster WM 2018 und zwei verkorksten Turnieren danach sagen.
Seinem Frust machte Sané bei seiner Auswechslung (63.) Luft. Eine Flasche kickte er weg, ehe er sogar kurz in den Katakomben verschwinden musste, um runterzukommen. Denn der Plan war vor diesem Topspiel doch ein anderer gewesen. Die Zeit, die er aufgrund seiner Rotsperre beim DFB gewonnen hatte, wollte Sané nutzen, um diverse Wehwehchen loszuwerden und sich in Champions-League- wie EM-Form zu bringen. Gegen den BVB aber wirkte er genauso ungefährlich und wenig zielstrebig wie vor der Länderspielpause. Die Verunsicherung ist ihm anzusehen – und wird laut Tuchel nur mit „Training, Training, Training“ abzustellen sein. Natürlich sei Sané „frustriert. Wir wissen, was er von sich erwartet. Er weiß, was wir von ihm erwarten.“ Kurz zusammengefasst: Mehr, viel mehr.
Sané war im Topspiel ein Sinnbild des gesamten Bayern-Auftritts, den Joshua Kimmich mit der Herangehensweise an „ein Testspiel“ gleichsetzte. Eine treffende Analyse, die für viele Profis galt – für manche aber besonders. Auch Alphonso Davies etwa blieb derart weit unter seiner Bestform, dass seine Karten im Vertragspoker nun nicht unbedingt besser liegen. Hinten unsicher, vorne harmlos: Der Wut einiger Fans über den Kanadier war so groß, dass Davies am Ostersonntag seine Kommentarfunktion auf Instagram sperren musste.
Die Frage nach dem „Warum“ muss der Kanadier ohnehin selbst beantworten.