Tuchel wackelt akut

von Redaktion

Laute Kritik am Bayern-Team – aber auch abruptes Trainer-Aus ein Thema

VON HANNA RAIF UND MANUEL BONKE

München – Am Samstagabend reichte ein Wort aus dem Mund von Thomas Tuchel, um unter die Saison des FC Bayern einen Haken zu machen. Es lautete „Glückwunsch“ und war in den Nordwesten gerichtet, wo sich knapp 600 Kilometer entfernt gerade der designierte Deutsche Fußballmeister 2024 auf ein wunderbares Osterfest einstimmte. An das laut Thomas Müller „mathematische Wunder“ glaubte in München nach dem Leverkusener Last-Minute-Sieg gegen Hoffenheim und dem ersten BVB-Erfolg in München nach zehn Jahren (2:0) niemand mehr. Daher hatten die Bayern mit Blick auf 13 Punkte Rückstand auf den Tabellenführer vom konsternierten Joshua Kimmich für Ostern keine guten Wünsche, sondern folgende Hausaufgaben mitbekommen: „Sich Gedanken machen, sich selbst hinterfragen, ob das alles war?“

Die Antworten wurden in den Kreisen der Familien gesucht, denn erst heute, wenn um 10.30 Uhr eine öffentliche Einheit an der Säbener Straße ansteht, versammeln sich die Profis wieder. Begrüßt und angeleitet werden sollen sie – Stand gestern – von Thomas Tuchel. Denn dem am Saisonende scheidenden Coach war am Samstag trotz des blutleeren Auftritts von allen Seiten indirekt der Rücken gestärkt worden. Während Sven Ulreich in Richtung seiner Kollegen sagte „wir müssen uns fragen, wie wir so eine Saison über uns ergehen lassen“, wurde Eberl noch deutlicher. Der 50-Jährige schimpfte: „Man kann den nächsten Trainer rauswerfen und sagen: wieder der nächste, wieder der nächste. Aber es sind schon die Akteure auf dem Platz, die da stehen.“ Klare Worte in Richtung Startelf, in der – mit Ausnahme von Kimmich – alle Mann weit unter ihren Möglichkeiten geblieben waren. Und trotzdem kann man hinter den Kulissen schon wieder leise Töne vernehmen, die auch ein abruptes Ende von Tuchel nicht mehr ausschließen.

Wie unsere Zeitung erfuhr, nimmt das Thema, das nach dem Vor-Länderspiel-Flow (fünf Spiele ohne Pleite) brach lag, intern wieder Fahrt auf. Denn dass Eberl und seine Vorstandskollegen nach dem Offenbarungseid im Clasico (Kimmich: „Die Einstellung ist unerklärlich“) schon an Worst.-Case-Szenarien denken, konnte man aus Zwischentönen heraushören. Zwar vergab der VfB Stuttgart am Sonntag die Chance, bis auf einen Punkt an die Bayern heranzurücken, trotzdem mahnte Eberl zum „Blick in den Rückspiegel“. Nach oben wird nichts mehr gehen, auf die Jäger aber sollte man „schauen, um die Champions League sicher zu machen“. Worte, die man in Bayern-Reihen seit mehr als einem Jahrzehnt nicht aussprechen musste.

Die Krise ist so groß, dass es schnell ins Grundsätzliche geht. Und deshalb ist man seit Samstag wieder an einem Punkt, von dem selbst Tuchel gedacht hat, „dass wir nicht mehr zurückkehren“. Ob das Verhältnis zwischen dem umstrittenen Coach und dem Team wenigstens noch so intakt ist, um in der Champions League Kurs auf das Finale in Wembley zu nehmen, gilt es nun intern zu klären. Eine klare Meinung dazu hat Didi Hamann, der bei „Sky“ sagte: „Du kannst dir nicht erlauben, die Saison einfach so ausklingen zu lassen.“ Tuchels Hauptkritiker forderte ein sofortiges Aus – und plädierte für Jose Mourinho als (Zwischen-)Lösung. Alles in allem: kompliziert.

Tuchel lässt all das über sich ergehen und zieht Hoffnung aus der Vergangenheit. Mit Blick auf das Viertelfinal-Hinspiel bei Arsenal in einer Woche sagte er: „Es wäre nicht das erste Mal, dass wir mit einer wahnsinnig guten Leistung zurückkommen.“ Der Generalprobe am Samstag in Heidenheim (Eberl: „unangenehm“) misst man große Bedeutung bei. Auch in der Causa Tuchel.

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