Überlange Verlängerungen

Eishockey muss episch bleiben dürfen

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Für die Fans im Stadion können bei aller Konzentration aufs Eishockeyspiel auf einmal ganz profane Dinge wichtig werden: Wie komme ich nach Hause, wenn keine (Straßen-)Bahn mehr fährt? Was, wenn das Parkhaus um Mitternacht schließt und mein Auto übernachten muss? Oder: Werde ich einen Hungerast und Dehydrierung erleiden, weil die Kioske in der Halle ab der zweiten Verlängerung alle leergefressen und -getrunken sind? Willkommen in der Jahreszeit des Eishockeys, die in der Reklame gerne als „die geilste“ vermarktet wird, aber halt auch die längste sein kann.

In den Playoffs wird gespielt, bis es entschieden ist – passt das noch in eine Zeit, in der der Sport wegen der besseren Verkaufschancen an die Welt der Medien planbar sein soll? Das wird nun wieder diskutiert, weil das zweite Halbfinale der Deutschen Eishockey Liga (DEL) zwischen Straubing und Berlin fast so lange gedauert hat wie zwei normale Spiele. Auch München und Straubing gingen auf die Extrameile – so wie vergangene Woche zwei siebte Viertelfinal-Partien in der DEL2. Superspannend, aber unter Umständen halt auch nervig. Sollte man daher ein Format finden, das für schnellere Entscheidungen sorgt? Wie in der normalen Saison eine Verlängerung mit weniger Spielern und mehr Platz auf dem Eis und auch der Möglichkeit eines Penaltyschießens? Andere Sportarten haben im Verlauf der Jahr(zehnt)e schließlich auch einen Modus gegen das Ausufern gefunden: Im Boxen gibt es nicht nur den K.o., sondern ein Punkturteil, Tennis hat den Tie-Break, im Volleyball braucht man im fünften Satz weniger Punkte.

Doch nein, lassen wir dem Eishockey diese anarchischen Momente. Sie sind, auch wenn wir dieser Tage gefühlt eine Ballung erleben, seltener geworden. Das DEL-Rekordspiel über 168 Minuten stammt aus dem Jahr 2008, lange her und heute kaum noch möglich. Denn das Eishockey hat sein Regelwerk immer wieder verfeinert, um mehr Tore zu ermöglichen: So sind etwa die offensiven Zonen vergrößert worden, um mehr Angriffsdruck zu schaffen. Das epische Verlängerungsdrama ist längst die absolute Ausnahme und für die Spieler auch nicht so belastend, wie man meinen mag. Seit zwei Jahren erfassen Funkchips jede Bewegung: Zwischen vier und sechs Kilometer Laufdistanz werden pro Match zurückgelegt – verkraftbar, wenn’s dann mal acht oder neun werden.

Wie ein Fan-Heimweg, wenn nichts mehr fährt.

Guenter.Klein@ovb.net

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