„Wer bremst, verliert“

von Redaktion

Zwischen Mut und Vorsicht: Sicherheitsdebatte vor dem gnadenlosen Klassiker Paris-Roubaix

Paris – Für Angst, sagt Nils Politt, ist im Radsport kein Platz. Die fürchterlichen Bilder der brutalen Sturzserie im Peloton lassen den deutschen Klassikerjäger keineswegs kalt. Angst, sich beim bevorstehenden Höllenritt, am Sonntag über die Pflastersteine von Paris-Roubaix, in die Verletztenliste um Jonas Vingegaard, Remco Evenepoel oder Wout van Aert einzutragen, lässt Politt trotzdem nicht zu. „Wenn Angst mitfährt, fährt man vorsichtig. Und dann hat man schon verloren. Wer bremst, verliert“. so der Kölner in der FAZ.

Vor dem Höhepunkt der Klassikersaison wird die Sicherheitsfrage heiß debattiert. Die Schock-Bilder des Massensturzes bei der Baskenland-Rundfahrt am Donnerstag heizen die Diskussion weiter an. Tour-Sieger Vingegaard erlitt mehrere Knochenbrüche und Verletzungen an der Lunge. Zudem einen Pneumothorax – dabei dringt Luft in den Spalt zwischen Lunge und Brustwand. Dadurch kann sich die Lunge nicht mehr so ausdehnen wie zuvor. Es kann theoretisch zu einer lebensbedrohlichen Situation kommen, Vingegaard aber ist stabil.

Der deutsche Rad-Profi Simon Geschke sieht die Schuld für die Stürze bei den Fahrern. „Die waren einfach zu schnell. Die Straße war gut und trocken. Es war keine Kurve, die überraschend kam. Ich bin froh, dass keiner im Koma liegt“, so der 38 Jahre alte Routinier.

Für ihn spielt die zunehmend aggressivere Fahrweise eine viel größerer Rolle als mögliche Straßenschäden. „Es ist diese Wer-bremst-verliert-Mentalität“, sagte Geschke, der an der Unfallstelle vorbeigefahren war und dabei schon vermutete, dass die Favoriten betroffen waren. „Es ist tragisch, aber es ist aus meiner Sicht die Nervosität der Fahrer. Jeder wollte in die ersten Zehn in dieser Abfahrt rein.“ Daher bräuchte sich niemand über die „Streckenführung“ beschweren.

Für Thierry Gouvenou, Renndirektor des Klassikers Paris-Roubaix (259,7 km), ist das rasante Tempo eine Ursache für die Stürze. „Die Abfahrten auf den Pässen werden mit über 100 km/h gefahren“. Es sei an der Zeit, sich Grenzen zu setzen. „Seit Monaten warnen wir alle. Aber wir stellen fest, dass die Stürze nur zunehmen. Fangen wir an, über die Geschwindigkeitsprobleme nachzudenken. Stopp, stopp, stopp, lassen Sie uns das Massaker beenden,“ sagte der Renndirektor der „L’Equipe“.

Die „Hölle des Nordens“ ist voller Gefahren. 29 Kopfsteinpflaster-Sektoren erstrecken sich über eine Gesamtlänge von 55,7 km, so viel wie seit 30 Jahren nicht mehr. Die berühmt-berüchtigte Schneise durch den Wald von Arenberg ist einer der größten Stressfaktoren. Vor der Einfahrt bauten die Veranstalter eine Schikane ein, die das Feld ausbremsen soll. Allerdings dürfte es vor der Engstelle zu Positionskämpfen kommen. Es drohen neue Stürze – wenn wieder keiner bremst. sid

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