Befreiungsschlag mit Verzögerung

von Redaktion

Defekte Stadionboxen, zwei Gastgeschenke – 1860 siegt sich aus der Krise

VON ULI KELLNER

München – Die ersten Gewinner im Fußball-Hotspot Giesing standen bereits fest, als das wegweisende 1860-Heimspiel gegen Köln um 15 Uhr doch noch angepfiffen wurde. Angrenzende Wirte wie der Kastaniengarten durften sich über Rekordumsätze freuen, denn die defekte Lautsprecheranlage im Grünwalder Stadion hatte die Vorglühphase der Fans um eine Stunde verlängert. Bei Temperaturen von knapp 30 Grad war der Durst ohnehin beträchtlich – und so war die Stimmung auf den Rängen schon ausgelassen, als sich die 22 Profis auf dem Rasen nach einer extralangen Aufwärmphase endlich in die ersten Zweikämpfe stürzten.

Ein gutes Dutzend eilig beschaffte Megaphone hatte die Austragung des Spiels gerettet – mit ihnen hätten die Ordner im Notfall sicherheitsrelevante Durchsagen machen können. Parallel dazu werkelten Techniker an der defekten Anlage, und als um die 60. Spielminute herum doch noch der erste Ton aus den Boxen krächzte, war der 3:1-Heimsieg bereits auf den Weg gebracht. 1860, das alle vier Spiele im März verloren hatte, führte mit 2:1 – weil sich die Kölner mit zwei kuriosen Gastgeschenken als Aufbauhelfer betätigt hatte. Ein Nachmittag, der nicht nur wegen der Boxen-Panne in Erinnerung bleiben wird.

Ein halbes Eigentor führte zum 1:0 durch Joel Zwarts (15.), eines aus der Slapstick-Abteilung vom 2:0 (34.). Die Anspannung der Löwen wich früh dem Gefühl, im Abstiegskampf einen entscheidenden Schritt machen zu können. Dass die Kölner nach der Pause verkürzten (Lorch, 49.) – verschmerzbar, denn mit einem Kopfball nach einer Schröter-Ecke sorgte Jesper Verlaat (71.) für einen 3:1-Vorsprung, der auch nach 90 Minuten bestand hatte. 16.50 Uhr war es da bereits, die 1860-Profis gingen zum Feiern in die Kurve, und Kölns Trainer Olaf Janßen merkte mit gequälter Miene an: „Wenn du zwei so kapitale Böcke schießt, kannst du natürlich schlecht gewinnen. Ich denke, nicht 1860 hat das Spiel heute entschieden, sondern wir – gegen uns selber.“

Den Löwen war’s egal. Für Trainer Argirios Giannikis stand im Vordergrund, dass sein Team nach dem schwachen Spiel in Freiburg die geforderten Grundtugenden an den Tag gelegt hatte. „Das war heute eine geschlossene Mannschaftsleistung“, sagte er und bezog sich dabei auch auf die extralange Warmup-Phase vor dem verzögerten Anpfiff: „Für mich war das nicht so schlimm, aber für die Spieler war es sicher keine einfache Situation.“

Die 15 000 auf den Rängen schienen den Nachmittag jedenfalls genossen zu haben. Giesing noch mehr retro als sonst. Fußball pur ohne das sonst übliche Gedröhne aus den Boxen. Weißblauer Himmel zur farblich passenden Choreo der Ultras (125 Jahre Fußballabteilung) – dazu 1860 endlich wieder griffig. Zwarts war beim ersten Startelf-Einsatz nach seiner Leidenszeit hellwach, als ihm Dietz den Ball in die Beine spielte. Das Eigentor durch Engelhardt – von der Seitenlinie ins leere Tor – erzwangen die Löwen, indem sie Köln energisch anliefen. Auch die Not-Doppelsechs – Frey/Steinhart – wirkte stabil.

Nach dem bitteren 1:2 im Hinspiel (mit vier Roten Karten) hatten die Löwen kein Problem damit, diesmal etwas glücklich gesiegt zu haben. In Regenburg am Sonntag (13.30 Uhr) wollen sie die nächste Rechnung begleichen. Das Hinspiel hatte ein Gegentor in der Nachspielzeit entschieden. Kapitän Verlaat ist der Meinung, das Momentum wieder auf die richtige Seite gezwungen zu haben. Sein Fazit nach einem kurios-chaotischen Nachmittag: „Auch Geschenke muss man sich erarbeiten.“

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