Sieben Tage Jobgarantie

von Redaktion

Tuchel in London „zu 100 Prozent“ auf der Bank – Eberl stellt sich vor ihn: „Hat er nicht verdient“

VON HANNA RAIF

Heidenheim – Der Bus fährt erst, wenn der letzte Mann drin sitzt, und am Samstagnachmittag war das Thomas Tuchel. 18.27 Uhr war es, also exakt eine Stunde nach Abpfiff des Debakels von Heidenheim, als das rote Gefährt den Motor startete und gen Abendsonne fuhr. Ein wunderbar idyllisches Bild, das so gar nicht passte zur Stimmung, die hinter den verdunkelten Scheiben herrschte. Allen voran der Trainer, der mit dem Rekordmeister nun mehr als ein Viertel seiner Spiele verloren hat, war mit sich selbst beschäftigt. Und damit, Gründe dafür zu finden, warum er eine so schlechte Bilanz aufweist wie seit Sören Lerby anno 1991/92 kein anderer mehr.

Die Zahlen sind alarmierend, dessen ist sich auch der am Saisonende scheidende Coach bewusst. Sie ändern aber nichts daran, dass Tuchel trotz erneuter Ratlosigkeit über den spielerischen Offenbarungseid seines Teams („es gibt keine Erklärung“) vorerst weitermachen darf bzw. soll. „Völlig klar“ war es für Sportvorstand Max Eberl, dass der 50-Jährige am Dienstag (21 Uhr) im Viertelfinal-Hinspiel beim FC Arsenal auf der Bank sitzen werde, „und auch am Samstag gegen Köln“. Dass das gar nicht möglich ist, weil Tuchel aufgrund seiner vierten Gelben Karte im nächsten Ligaspiel Tribünen-Gast sein wird, war beim sportlich Vorgesetzten noch gar nicht angekommen. Wäre man böse, könnte man sagen, dass man am Samstag sehen kann, ob es nicht besser ohne den Coach geht, der seine Spiele an der Seitenlinie des kriselnden Rekordmeisters rückwärts zählt.

Für Lothar Matthäus ist die Sache klar. Der Rekordnationalspieler hatte kurz nach Abpfiff bei „Sky“ erklärt: „Die Mannschaft braucht einen neuen Impuls, und den kann Thomas Tuchel nicht mehr geben.“ Gedanken wie diese waren unter der Woche auch in der Chefetage kein Tabuthema gewesen, intern aber hatte man sich nach dem 0:2 gegen den BVB darauf verständigt, mit Tuchel in die entscheidenden Wochen zu gehen – solange die Qualifikation für die Königsklasse nicht in akute Gefahr gerät. Das erklärt auch, warum Eberl auf die konkrete Frage, ob es bis zum Saisonende mit Tuchel weitergehe, entgegnete: „Das kann ich abschließend nicht beantworten.“

Aktuell sprechen das Gesamtkonstrukt sowie der Mangel an Alternativen gegen eine vorgezogene Entlassung – zudem richtet sich die Kritik nach den jüngsten zwei Pleiten vor allem an die Spieler. Eberl stellte sich in Heidenheim sogar explizit vor den Coach, der in der abgelaufenen Woche „alles in den Besprechungsraum gelegt“ habe: „Wenn du dann das zurückbekommst, dann ist es definitiv nicht das, was Thomas verdient hat.“

Es drängt sich dennoch der Eindruck auf, dass Tuchels Worte kaum mehr ankommen. Was die ohnehin komplizierte Situation noch komplexer erscheinen lässt. Tuchel nämlich soll nun für jene Sicherheit sorgen, die Eberl auf der Suche nach dessen Nachfolger dringend braucht. Stand jetzt stagniert sie, denn: „Was soll ich dem Trainer sagen? Wir spielen auf jeden Fall Champions League? Das kann ich ihm nicht versprechen.“ Ganz „depressive“ Gedanken – aber mit Blick auf die Nicht-Idylle im Bus nicht abwegig.

Artikel 1 von 11