Heidenheim – Gute 220 Kilometer liegen zwischen der Voit-Arena in Heidenheim und dem Tegernsee, aber Max Eberl – das versicherte er vorab – legte sie am Samstagabend nicht in weniger als einer Stunde zurück. „Ich riskiere nicht mein Leben“, sagte der Sportvorstand des FC Bayern nach dem peinlichen 2:3 (2:0) beim Aufsteiger aus dem Schwabenland, aber er werde auch nicht „im Auto sitzen und Hallelujah singen“. Die Zeit auf der A8 wurde genutzt, um weiter über die Frage zu grübeln, die Eberl kurz nach Abpfiff selbst gestellt hatte: „Bist Du noch eine Spitzenmannschaft?“ Seine Antwort: „Aktuell weiß ich es nicht.“ Und das sagt eigentlich alles, was man über diesen Verein wissen muss.
Die Auftritte, die der 50-Jährige nach der zweiten Pleite binnen einer Woche an diversen Mikrofonen hinlegte, ließen tief blicken – und Rückschlüsse ziehen auf die Gemengelage, die Eberl in gerade einem guten Monat Amtszeit vorgefunden hat. Das Wort „chaotisch“ wollte er zwar nicht in den Mund nehmen („eher unruhig“), trotzdem sagte er offen: „Ich bin überrascht über die wenige Stabilität. Das ist nicht das Bayern München, was ich kannte.“ Niemand, auch nicht Eberl, konnte erklären, wie man eine „ultrasouveräne Halbzeitführung“ (Thomas Müller) nach Toren von Harry Kane (38.) und Serge Gnabry (45.) bei einem Bundesliga-Neuling verschenken, sich binnen 86 Sekunden das Spiel aus der Hand nehmen und am Ende sogar als Verlierer vom Platz gehen konnte. Immerhin aber gab es am bisherigen Saisontiefpunkt jemanden, der Klartext sprach. Eberl holte – ganz im Stile von seinem Mentor Uli Hoeneß – zur Generalkritik aus und ließ deutlich anklingen, dass es mit der Gemütlichkeit endgültig vorbei ist.
Mit Blick auf den Kracher beim FC Arsenal am Dienstag sagte er: „Wir sollten uns alle schämen und schnell gucken, dass wir das Bayern-Wappen würdiger tragen können.“ Und mit Blick auf den Umbruch, der diesem auseinandergefallenen Team im Sommer blüht, stellte er klar: „Ich glaube, dass schon einiges geändert werden muss.“ Die Warnung ging klar in Richtung jener Mannschaft, die als erste seit 2011/12 sechs Bundesliga-Niederlagen auf dem Konto hat, erstmals seit 23 Jahren gegen einen Aufsteiger verlor und inzwischen 16 Punkte hinter dem Fast-Meister aus Leverkusen steht. „Versagt“ habe man in der zweiten Halbzeit, und zwar derart, dass auch der mächtig angefressene Sportdirektor Christoph Freund klarstellte: „Das ist nicht zu entschuldigen. Jeder Spieler sollte in den Spiegel schauen und überlegen, ob er sein Bestes gegeben hat.“
Gute 40 Stunden bleiben für die Findung individueller Antworten, ehe der Flieger am Montagnachmittag um 15.30 Uhr in Richtung London-Stenstad abhebt. Was Hoffnung für das Viertelfinal-Hinspiel beim Tabellenführer der Premier League macht? Eberl: „Momentan fällt mir da nicht so viel ein.“ Man arbeitet an der Rückkehr von Manuel Neuer, auch Leroy Sané und Kingsley Coman wollen unbedingt dabei sein. Ob sie dem Team nach dem „nicht bestandenen Charaktertest“ aber wieder Selbstvertrauen und Herz einhauchen können, steht infrage. Thomas Müller schaltete daher noch in Heidenheim in den „Kampfmodus. Wir können es nicht umdrehen und es bringt uns auch nichts, wenn wir aufeinander rumhacken“, führte er aus: „Der Groll in mir lächelt schon wieder für Dienstag.“
Ansonsten sah man niemanden lächeln. Und besser wurde es auch nicht, als Eberl zwei Stunden später daheim aus dem Auto stieg. Dann nämlich war Stuttgart auf Platz drei nach dem Sieg gegen Dortmund plötzlich punktgleich mit den Bayern. Hallelujah!