Der FC Bayern in London

Ein echtes Schicksals-Spiel

von Redaktion

HANNA RAIF

Die Gedanken, die Thomas Tuchel schon nach der Pleite gegen den BVB hatte, waren nicht abwegig. „Es wäre nicht das erste Mal, dass wir mit einer wahnsinnig guten Leistung zurückkommen“, hatte der Coach mit Blick auf Arsenal gesagt – und in der Tat: Wenn es in dieser inkonstanten Saison des FC Bayern lange eine Konstante gegeben hat, dann war es die „Jetzt-erst-recht-Mentalität“. Schon dem 0:3 gegen Leipzig im Supercup folgte ein 4:0 zum Bundesliga-Auftakt gegen Bremen, dem Pokal-Aus in Saarbrücken ein 4:0 beim BVB, dem 1:5 in Frankfurt ein 1:0 in Manchester, dem 0:1 gegen Bremen ein 1:0 gegen Union. Nicht ganz berücksichtigt allerdings hat Tuchel, dass das Ende dieser Steh-Auf-Serie – nämlich Pleiten gegen Leverkusen, in Rom und Bochum hintereinander – zu seinem Aus geführt hat. Noch vermag daher niemand genau zu sagen, was passiert, wenn heute Abend auf das 0:2 gegen den BVB und das 2:3-Desaster von Heidenheim eine Niederlage in London folgt.

Es wird inzwischen doch ein wenig lauter gemunkelt, dass das Hinspiel bei Arsenal das letzte von Tuchel an der Seitenlinie des FC Bayern sein könnte – wenn es gehörig schief geht. Im Fall der Fälle wird es auf das „Wie“ ankommen: Eine knappe Niederlage wie in Rom würde Tuchel wohl überstehen. Einen Offenbarungseid wie in Heidenheim aber eher nicht. Es wäre die letzte Chance der Bayern-Bosse, einen Plan B aus der Schublade zu ziehen, um die verkorkste Spielzeit mit ein wenig Würde zu Ende zu bringen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um den womöglich leeren Trophäen-Schrank, sondern um viel mehr. Dieser Club, der ohnehin vor dem größten Umbruch der jüngeren Vereinsgeschichte steht, kann und darf sein Gesicht nicht verlieren.

Ein schicksalshafter Charakter haftet K.o.-Spielen in der Königsklasse stets an. Das Gastspiel auf der Insel aber ist für den FC Bayern doch mehr als ein bloßes Viertelfinal-Hinspiel. Es kann der Startschuss für einen Saison-Endspurt sein, den selbst die kühnsten Optimisten dem entthrontem Deutschen Meister nicht zugetraut hätten. Aber es kann eben auch der letzte Tropfen sein, der das ohnehin schon randvolle Fass an der Säbener Straße endgültig zum Überlaufen bringt. Schon in Heidenheim hatte etwa Thomas Müller angekündigt, zur „Generalkritik“ auszuholen, „wenn es nichts mehr zu gewinnen gibt“. Das einzig Gute für Tuchel: Er hätte mit der ganzen Sache dann wohl nichts mehr zu tun.

Hanna.Raif@ovb.net

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