München – Gäbe es die Möglichkeit, die Spieluhr des FC Bayern 45 Minuten zurückdrehen: jeder würde sie nutzen. Die beiden Innenverteidiger Minjae Kim und Dayot Upamecano, die in der zweiten Halbzeit des desaströsen 2:3 in Heidenheim bei allen drei Gegentoren schlecht aussahen. Harry Kane, der als Torschütze des Führungstors und nicht als freistehend Gescheiterter im Gedächtnis geblieben wäre. Und auch Serge Gnabry, dessen persönliche Geschichte eine der größten dieses Sommer-Kicks auf der Ostalb gewesen wäre. Aber es kam bekanntlich anders – und jeder muss das angeknackste Selbstvertrauen für sich wieder herstellen.
Gnabry immerhin hat da einen entscheidenden Vorteil. Denn zusätzlich zum Treffer und der Vorlage, die er bei seinem ersten Startelf-Einsatz seit 11. November beigesteuert hatte, hat der 28-Jährige den Flieger in Richtung Stansted gestern Nachmittag in dem Wissen betreten, dass es dorthin geht, wo er sich besonders wohlfühlt. Fünf Jahre lang kickte der Nationalspieler bekanntlich für die Gunners, die den Rekordmeister zum Hinspiel im Champions-League-Viertelfinale heute Abend (21 Uhr) empfangen. Gnabrys London-Affinität aber wird durch andere Zahlen gestützt: Sechs seiner bisher 15 Tore in der Königsklasse nämlich gelangen dem Flügelspieler auf dem Boden der britischen Hauptstadt. Vier in Tottenham, zwei bei Chelsea: Sobald Gnabry London riecht, trifft er garantiert.
„Natürlich ist es irgendwo im Hinterkopf und es schwingt schon ein positives Gefühl mit“, sagte er auf der Vereinshomepage über diese kuriose Bilanz, aber es gilt freilich, was immer gilt: „Jedes Spiel muss neu gespielt werden.“ Das Duell mit dem Verein, dem er sich als 15 Jahre alter Jugendspieler anschloss, bezeichnet er als ein „Do-or-Die-Spiel“ – verbunden mit der Botschaft: „Da sind wir meistens besonders stark.“ Es würde dem Team „enorm Aufwind geben, das Halbfinale zu erreichen“, Arsenal-Kenner Gnabry weiß aber um die Schwere der Aufgabe.
Mit dem heutigen Coach Mikel Arteta spielte der damals jüngste deutsche Spieler der Königsklassen-Historie noch gemeinsam, dass der 42-Jährige als Coach großen Anteil am Aufschwung der Gunners hat, wundert ihn daher nicht. Schon als Kapitän habe er „uns aufgebaut, gute Tipps gegeben, immer versucht, uns an die Hand zu nehmen, damit wir fokussiert bleiben und alles geben“. Dasselbe macht er nun mit dem Premier-League-Tabellenführer, der laut Gnabry „im eigenen Stadion eine Macht“ ist.
Gnabry weiß, wie er die Fans im Emirates Stadium am besten verstummen lassen kann. Wie schnell das in London geht, hat Harry Kane schon am eigenen Leib erfahren müssen. Denn beim 7:2 – und vier Gnabry-Treffern – stand der heutige Bayern-Stürmer auf der anderen Seite. Der Stachel sitzt tief, so tief, dass Gnabry seine „vagen“ Versuche, das Ereignis aus dem Jahr 2019 beim Engländer anzusprechen, abgebrochen hat. Er lacht: „So etwas muss man ja niemandem unter die Nase reiben.“
Ohnehin hat er einen anderen Plan. „Jetzt ist Kane dran“, sagt Gnabry: „Er soll so viele Tore schießen, wie es geht. Dann gewinnen wir das Spiel.“ Gelingt das, winkt am 1. Juni womöglich wieder London. Ein Wembley-Tor fehlt Gnabry noch.
HANNA RAIF