„Der Henkelpott – mit Tuchel möglich“

von Redaktion

Matthäus über die letzte Bayern-Chance der Saison und den Wert von Kimmich

München – Die Leistung, die der FC Bayern am Dienstag beim FC Arsenal gezeigt hat (2:2) hat auch Lothar Matthäus gefallen. Im Interview spricht der „Sky“-Experte (63) Wembley als Abschiedsgeschenk für Thomas Tuchel, Schlüsselspieler im Rückspiel – und die unbedingte Notwendigkeit, Joshua Kimmich zu halten.

Herr Matthäus, Sie hatten vor dem Spiel auf ein Unentschieden getippt…

Heißt das jetzt, dass ich Ahnung habe oder Glück gehabt habe? (lacht)

Eine Vorahnung auf jeden Fall – viele haben ja doch sehr schwarz gemalt …

Ich kenne ja die Bayern, kenne die Qualität der Mannschaft – und auch mit der Aufstellung des Trainers bei Arsenal muss man zufrieden sein. Er hat die Besten aufgestellt, nichts ausprobiert, schon beim Aufwärmen habe ich positive Schwingungen gesehen, eine gute Stimmung.

Wie ist es gelungen, den Schalter umzulegen?

Die Spieler waren doch auch mit den Ergebnissen und Leistungen in den Wochen davor nicht zufrieden- Und sie wissen natürlich, dass sie die Möglichkeit haben, die nationale „Dreckssaison“ mit einem international guten Ergebnis – wenn möglich dem Titel – zu retten. Mir war klar, dass die Bayern mit den Besten in Europa mithalten können. Da setzt sich dann auch Erfahrung durch.

Dennoch, der Weg ist steinig. Es würden ja auch danach noch andere Kaliber warten.

ManCity gegen Real ist das vorgezogene Endspiel, Bayern würde im Halbfinale auf eine Mannschaft treffen, die vielleicht noch stärker einzuordnen ist. Aber man hat gesehen, was möglich ist, wenn der Spirit da ist. Außerdem ist derjenige, der sich aus der Richtung Arsenal, Bayern, Real und ManCity durchgesetzt hat, für mich der Favorit im Endspiel. Das sind die vier besten Mannschaften.

Der Henkelpott als Abschiedsgeschenk für Tuchel, das wäre eine Pointe!

Absolut. Aber es ist ihm zuzutrauen. Das waren persönliche Sachen, die Tuchel mit einigen Spielern auszufechten hatte, mit einigen Sätzen hat er sich nicht unbedingt Freunde gemacht. Da gab es Spieler, die sich ein bisschen abgewandt haben. Aber jetzt, in der Champions League, spielen die Spieler für sich selbst, für diese Mannschaft.

Sehen Sie eine Einheit?

Die sind zusammengewachsen in den letzten Jahren bei all dem Erfolg. Und genau das muss auch zur Sprache gekommen sein. Nach dem Motto: Hey! Wir waren so eine geile Truppe, haben so viel Erfolg gehabt – lasst uns doch nicht alles kaputt machen! Jetzt ist es Zeit, zu beweisen, dass wir füreinander einstehen. Die Schlagzeilen haben auch den Spielern wehgetan. Es ist doch logisch, dass man darüber spricht. Es war sehr viel Unzufriedenheit und Unruhe in der Mannschaft, das hat sich auf die Ergebnisse niedergeschlagen.

Hat Tuchel für die Wende in den Köpfen gesorgt?

Wenn er noch so einen guten Kontakt hat, dass seine Ansprache die Spieler so erreicht hat, freut es mich sehr. Das ändert aber nichts daran, dass in Kimmichs, in Goretzkas, in de Ligts Köpfen noch einiges steckt. Deswegen spielen die aber doch nicht für oder gegen den Trainer. Sie spielen für sich selbst, denn sie wollen zur EM, sie wollen die Champions League gewinnen und sie wollen auch gute Positionen in Vertragsverhandlungen haben.

War das Spiel auch eine Botschaft an den neuen Trainer?

Nach dem Motto: Hier ist noch Leben. Von den Trainern, die auf der Liste stehen und ernsthaft gefragt werden, sagen 80 Prozent sowieso Ja zum FC Bayern. Und ein Auftritt wie bei Arsenal steigert den Prozentsatz wahrscheinlich noch ein bisschen.

Welche Bedeutung kommt dem sportlich so gut wie unbedeutendem Köln-Spiel am Samstag zu?

Eine große, denn die Bayern sollten jedes Spiel nutzen, um sich noch besser einzuspielen, Abläufe einzustudieren, Aggressivität zu zeigen, kompakt zu werden. Und ein weiterer Rückschlag wäre für die Köpfe nicht gut. Jeder weiß: Am Mittwoch wartet ein hartes Stück Arbeit – auf Arsenal und auf Bayern.

Auf wen wird es in Bayern-Reihen ankommen?

Es kann auf Neuers Torwartleistung ankommen, auf Kanes Tore, auf eine kompakte Abwehr – oder auf Musialas Dribblings. Gegen eine englische Mannschaft zu spielen, ist auch für ihn etwas Besonderes, außerdem ist er derjenige, der nicht nur torgefährlich ist, sondern auch die gefährlichen Situationen kreieren kann. Musiala könnte der Spieler sein, der Bayern ins Glück schießt.

Was haben Sie bei Sanés Auftritt am Dienstag gedacht?

Ich glaube immer an ihn. Er hat es in den letzten Wochen nicht stabil gezeigt, aber eine super Vorrunde gespielt. Er kann der Unterschiedsspieler sein! Gerade, wenn er die Räume hat, die sich ergeben, wenn Bayern spielt wie am Dienstag. Kompakt stehen und dann schnelle vertikale Bälle, das ist wie gemacht für Gnabry und Sané.

Wie schwer wiegt Gnabrys Ausfall?

Schwer. Aber in Coman hat man jemanden, der ihn gut ersetzen kann. Für mich wiegt der Ausfall von Alphonso Davies schwerer. Weil er gelbgesperrt fehlt, müsste als Eins-zu-Eins-Ersatz Raphael Guerreiro ran – da geht ordentlich Geschwindigkeit verloren. Das schwächt die Bayern, auch wenn Davies aktuell nicht in Höchstform ist.

Was uns zum Thema Vertragsverlängerung führt: Davies lässt sich nicht unter Druck setzen – und auch Joshua Kimmich will den neuen Trainer abwarten. Zu Recht?

Max Eberl weiß das – deshalb will er ja noch im April den Trainer präsentieren. Denn nicht nur die Spieler, die einen neuen Vertrag in Aussicht haben, auch die, die kommen sollen, wollen auf dieser Position Klarheit. Ich verstehe Joshua, auch wenn ich ihn natürlich gerne weiter bei Bayern sehen will.

Warum?

Wenn Manuel Neuer und Thomas Müller aufhören – in ein, zwei, im Fall von Neuer vielleicht auch fünf Jahren (lacht) –, ist Kimmich derjenige, der diesen FC Bayern verkörpert. Und er hat noch ein paar Jahre mehr vor sich als die anderen beiden. Er fühlt sich ja auch wohl in München, hat hier vier Kinder. Andererseits ist eine neue Herausforderung kurz vor 30 vielleicht auch nicht schlecht. Diese Gedanken hat er natürlich.

Braucht der FC Bayern ihn denn sportlich noch?

Wenn ich der FC Bayern wäre, würde ich alles tun, um Kimmich zu behalten. Man hat ihn zu Unrecht sehr scharf kritisiert. Man kann mit ihm reden, er ist einer, der ehrgeizig ist, immer gewinnen will, auch im Training. Das ist der Spieler, den Bayern auch in den nächsten Jahren als Gesicht braucht. Er hat die Erfolgsgeschichte mitgeschrieben – und ist einer, der auch Leaderqualitäten hat. Er bringt Energie in die Mannschaft, als Mitspieler kannst du dich immer auf ihn verlassen, er wählt klare Worte. Das eine andere kritische Interview von ihm weniger – und man könnte gar nichts gegen ihn sagen.

Interview: Hanna Raif

Artikel 1 von 11