Es gab in diesem unglaublichen Spiel am Dienstag den Moment, in dem jeder Zuschauer gesagt hat: „War ja klar!“ Gelingt dem BVB eine 2:0-Halbzeitführung wie aus dem Bilderbuch, ist er ein geeigneter Kandidat, nach der Pause noch alles zu verspielen. Als der Ball also zum 2:2 im Netz zappelte – und im Viertelfinal-Duell mit Atletico Madrid noch 26 Minuten auf der Uhr standen –, war ein „typisch Dortmund“ schon angebracht. Denn was danach passierte, war zwar irgendwo zwischen gigantisch und magisch einzuordnen. Aber es war leider, trotz dieses hochtalentierten Kaders: eine Ausnahme.
Es hat schon jetzt etwas Ironisches, dass dieser erstmalige Einzug in die Vorschlussrunde der Königsklasse seit 2013 ausgerechnet in einer Saison gelingt, die parallel in der Liga zum Absturz geführt hat. 23 Punkte steht die Borussia aktuell bekanntlich hinter dem Meister aus Leverkusen, die direkte Qualifikation für die Champions League 2024/25 ist in akuter Gefahr. Und dass es inzwischen in anderen Vereinen spannendere Spieler gibt als unter dem schwarz-gelben Wappen, hat auch die letzte Nominierung von DFB-Coach Julian Nagelsmann gezeigt. Das irrwitzigste Szenario für die kommenden Wochen wäre wie folgt: Dortmund wird national Fünfter, stellt in Niclas Füllkrug nur einen deutschen EM-Fahrer – und gewinnt in Wembley die Champions League.
Der Henkelpott würde dann freilich versöhnen, der Europa-Rausch aber darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich dieser Verein, der sich selbst als zweite Kraft im deutschen Fußball sieht, am Scheideweg befindet. Nichts beleuchtet die Probleme dabei besser als die laufende Achterbahnspielzeit. Der doofen Fast-Meisterschaft und dem Liga-Fehlstart stehen die europäischen Erfolge als Sieger der Vorrunden-Todesgruppe und nun Halbfinalist entgegen. Begleitet von einer Dauer-Trainerdebatte und dem Versuch, die Vereinsführung für eine Zeit nach Hans-Joachim Watzke aufzustellen, war und ist die Gemengelage – vorsichtig gesagt – kompliziert.
Auf dem Platz kann ein Aha-Erlebnis wie vom Dienstag neue Kräfte freisetzen. Daneben ist eine kluge Strategie unbedingt vonnöten, um sich nicht links und rechts dauerhaft von Leverkusen, Stuttgart oder gar Leipzig überholen zu lassen. Was in diesem Club schlummert – und wie einfach alles sein könnte –, weiß nun ganz Europa. Irgendwann sollten Spiele wie diese „typisch BVB“ sein.
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