„Erst TSG-, dann Sommermärchen“

von Redaktion

Hoffenheims Baumann über das Duell mit Bayern, die EURO und das brutale Leben als Keeper

„Ich liebe es, mit ihm zu trainieren, Technik und Bewegungen anzusehen“: Oliver Baumann über Bayern-Keeper Manuel Neuer. © IMAGO

München – Die Woche ist spannend für Oliver Baumann. Am Donnerstag wurde der Hoffenheimer Kapitän von Julian Nagelsmann als einer von vier deutschen Torhütern in den EM-Kader berufen, an diesem Samstag (15.30 Uhr) geht es für ihn mit der TSG im Spiel gegen den FC Bayern noch um die Qualifikation fürs internationale Geschäft. Im Interview blickt der 33-Jährige auf das finale Duell der Saison, die EM und das Dorf Hoffenheim.

Herr Baumann, haben Sie die Forderung der Fans vom Samstag – „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ – noch im Ohr?

Der Ohrwurm ist schon wieder weg (lacht). Aber es wäre natürlich ein schönes Finale, wenn wir das Spiel gewinnen könnten, um uns noch weiter nach oben zu arbeiten.

Hoffenheim müsste drei Punkte und drei Tore auf Frankfurt für Platz sechs aufholen – ist das möglich gegen die Bayern?

Man hat schon im Kopf, welche Szenarien an diesem letzten Spieltag eintreten können – also auch dieses. Deshalb werden wir auf Sieg spielen, ein Unentschieden bringt recht wenig. Für uns hat dieses Spiel Turnier-Charakter.

Ist es nicht kurios, dass sich am letzten Spieltag alles um Hoffenheim und nicht um Bayern dreht?

Das stimmt. Als wir am Anfang der Saison den Spielplan gesehen haben, haben wir gedacht: Hey, vielleicht haben wir eine Meisterfeier ins Sinsheim. Dass die Saison für Bayern so läuft, haben wir vorher nicht wissen können. Aber auch für uns – letztes Jahr fast abgestiegen, jetzt spielen wir um Europa. Die Saison war in vielerlei Hinsicht ein wenig verrückt.

Sie sind Hoffenheimer Rekordspieler, haben von Platz 15 bis Platz drei schon alles mitgemacht. Wo steht Ihr Club im Vergleich zu den letzten zehn Jahren?

Schon in der Region, in der wir uns tabellarisch gerade befinden. Die Saison war nicht stabil. Wir hatten tolle Siege, aber auch unnötige Niederlagen. Den Punkt müssen wir uns ankreiden lassen. Es gab viele Mannschaften, die ähnlich performed haben wie wir, daher sind wir mit 40 Punkten im Kampf um die europäischen Plätze. Trotzdem sollte Konstanz unser Ziel sein, um die Position zu festigen. Nochmal so etwas zu erleben wie in der letzten Saison, muss nicht sein.

Sie sagten in Ihren Anfängen: „Das Dorf bleibt das Dorf.“ Gilt das immer noch?

Daran hat sich nichts geändert – und es ist doch auch ein Alleinstellungsmerkmal. Warum also wegreden? Ich finde es sympathisch. Wir sind hier nicht in der Großstadt, wir haben auch keine große Stadt in der Nähe, das bietet Ruhe und viele Vorteile. Man kennt die Menschen, baut Beziehungen auf, nimmt sich gerne die Zeit, auch mal ein paar Minuten länger zu reden. Das ist in unserem kuriosen Fußballgeschäft schon besonders. Und auch der Verein ist extrem familiär.

Ist im Dorf Alarm, wenn die Bayern kommen?

Verbunden mit dem letzten Spieltag ist schon Trubel. Selbst wir Spieler mussten die Woche um Karten kämpfen (lacht).

Ihr „Hass“-Gegner war immer Robert Lewandowski, die Gefahr besteht nicht mehr…

Moment! Ich wurde abgelöst von Koen Casteels, was die Tore von Lewandowski anbelangt (lacht). Trotzdem habe ich eine negative Bilanz gegen ihn…

Dafür haben Sie diese Saison einige wichtige Punkte festgehalten. Wie bewerten Sie Ihre persönliche Spielzeit?

Ich bin sehr zufrieden mit meiner Saison. Mir ist eine Konstanz immer wichtig, und die war da. Von den Werten her war es die beste Saison meiner Laufbahn.

Wie ein guter Rotwein, der im Alter besser wird?

So ähnlich (lacht). Wenn man als Torwart Erfahrung dazu gewinnt, ist das Gold wert. Ich fühle mich gut, ich bin fit – toi toi toi. Wenn man mich jetzt fragt, könnte ich mir vorstellen, noch fünf Jahre zu spielen. Jedes Spiel, jedes Training bringt einen Torwart weiter. Deswegen ist es als junger Torwart auch so wichtig, zu spielen und Fehler zu machen. Nur so kann man lernen. Das vergessen allerdings viele – und „hauen“ dann auf die jungen Torhüter ein.

Das hat auch Alexander Nübel schon erlebt, bevor er nach Stuttgart ging und seitdem Fehler machen darf.

Nicht nur darf – ich sage sogar: muss! Das hört aber nie auf, egal wie alt man ist. Das ist das Los eines Torhüters. Wenn du einen Fehler machst, ist das natürlich nicht schön… Aber dann stehst du wieder auf.

So wie Manuel Neuer gegen Real. Fühlt man mit als Kollege?

Extrem! Manu hat so ein überragend gutes Spiel gemacht, ohne ihn wären die Bayern gar nicht so weit gekommen. Aber all das bringt ihm in dem Moment nichts. Ich weiß, wie es sich anfühlt. Falscher Gedanke, falsch eingeschätzt, Ball anders gesprungen…! Es zeigt, dass wir alle Menschen sind. Es zeigt aber auch die Brutalität unseres Jobs.

Ist es Fluch oder Segen, zeitgleich mit Manuel Neuer und Marc Andre ter Stegen aktiv zu sein?

Beides. Du hast zwei Torhüter, die zu den besten der Welt gehören und charakterlich total angenehm sind. Ich verstehe mich mit beiden richtig gut, liebe es, mit ihnen zu trainieren, ihre Technik, ihre Bewegungen anzusehen. Was die Spielaktivität in der Nationalmannschaft betrifft, ist es allerdings nicht unbedingt von Vorteil (lacht). Marc kann da auch ein Lied von singen. Der denkt sich auch: Manu ist 38 – wann hört er denn mal auf?!

Was ist die Rolle des dritten Keepers?

Training auf höchstem Niveau. Zu zeigen, dass man immer da ist. Und die Torhüter und die Mannschaft zu unterstützen. Auch mal zu pushen, zu sagen: Es müsste etwas anders laufen.

Seit Donnerstag wissen Sie, dass diese Rolle auch Ihnen zukommt. Sind Sie bereit?

Und wie! Die Vorfreude ist riesig, dabei zu sein. Bei einer EM im eigenen Land zu spielen, ist ein Traum für mich. Und mal ehrlich: Vielleicht ist es auch mein einziges Turnier. Darauf habe ich lange und hart hingearbeitet.

Was kann die DFB-Elf dem Land bei der EURO bieten?

Ich spüre eine wachsende Euphorie seit dem letzten Lehrgang. Ich verspüre selbst diese Vorfreude – und merke auch, dass das Land ‚Bock‘ hat. Wir können als DFB-Elf ein Riesenvorbild sein, für die Fans, für die Nation. Wenn wir als Einheit ein Ziel verfolgen und Erfolg haben, wenn unser Zusammenhalt immer größer wird, können wir viel mitgeben und bewirken. Und umgekehrt brauchen wir den zwölften Mann: Ein Stadion kann ein Team zum Sieg führen! Wir brauchen Emotionen von den Rängen, das gibt uns Energie. Gemeinsam können wir Großes erreichen.

Also alle bereit für ein Sommermärchen?

Erst ein Europa-Märchen mit Hoffenheim – und dann ein Sommermärchen mit dem DFB. So würde ich das gerne unterschreiben.

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