Tuchel stürzt Bayern ins Chaos

von Redaktion

„Keine Einigung“: Abschied in Hoffenheim, Trainersuche geht weiter

Verlässt den FC Bayern erhobenen Hauptes: Trainer Thomas Tuchel. © FC Bayern

München – Das Setting der Pressekonferenz hatte schon vorab verraten, dass die Elefantenrunde nicht zugegen sein wird. Nur zwei Mikrofone waren am Freitag auf dem Podium aufgebaut – und als Thomas Tuchel dann tatsächlich ohne Geleitschutz eines Vorstands des FC Bayern den Raum betrat, war die Sache klar. Seinen Zettel legte der 50-Jährige vor sich, bevor er um 11.32 Uhr die Worte sprach, die sich im Nu verbreiteten. „Das ist die letzte Pressekonferenz an der Säbener Straße. Wir haben keine Einigung gefunden für eine weitere Zusammenarbeit. Deshalb bleibt es bei der Vereinbarung im Februar“, sagte er und läuteten damit nicht nur seinen eigenen Abschied nach der Partie am Pfingstsamstag (15.30 Uhr) in Hoffenheim ein, sondern führte der Öffentlichkeit auch recht deutlich vor Augen, dass der Rekordmeister weiterhin ohne Coach für die neue Saison da steht. Die Suche geht von vorne los – mal wieder.

Die Vereinsbosse wussten seit Donnerstagabend Bescheid, als sich die laut Tuchel „sehr, sehr turbulente letzte Woche“ auf den vorläufigen Höhepunkt zugespitzt hatte. Zwar hatten sich beide Seiten seit dem Halbfinal-Rückspiel bei Real Madrid – „die Basis, über die 180-Grad-Wende nachzudenken“ – tatsächlich ernsthaft mit der Weiterführung der Zusammenarbeit beschäftigt, in den Gesprächen im Laufe der Woche aber hatte sich herauskristallisiert, dass man nicht zusammenfinden wird. Details über die „minimalen Gründe“ wollte der scheidende Coach nicht verraten, dass es um die Ausdehnung seines ursprünglich bis 2025 laufenden Vertrags sowie ein Mitspracherecht bei den anstehenden Transfers geht, hat man aber aus der Führungsebene vernommen. Tuchel war einem Deal nicht abgeneigt, wollte aber sein Gesicht nicht verlieren und sich nach den gescheiterten Abwerbeversuchen von Xabi Alonso, Julian Nagelsmann, Ralf Rangnick und Oliver Glasner als E-Kandidat abstempeln lassen. So saß er also am Freitag auf dem Podium und zog sein persönliches Fazit – während zwei Etagen über ihm die Köpfe rauchten.

Als „skurril“ bezeichnet Didi Hamann die Situation – und spricht gegenüber unserer Zeitung aus, was viele denken: „Die Bayern geben in der ganzen Sache seit Wochen kein gutes Bild ab.“ Einem Trainer, „bei dem man sich geeinigt hat, dass er gehen soll, mehr oder weniger überreden zu müssen“, sei schon „denkbar unglücklich“. Tuchels Überlegungen, „den Leuten zu zeigen, dass er besser ist, als er es in dieser Saison gezeigt hat“, waren für den Sky-Experten „verständlich“. Die sich seit einem Vierteljahr ziehende und bisher unerfolgreiche Trainersuche aber „kratzt extrem an der Glaubwürdigkeit dieses Vereins und der handelnden Personen“.

Februar-Entscheidung wundert Tuchel noch heute

Dass an der Säbener Straße aktuell alles möglich ist, hat Tuchel in den vergangenen acht Tagen am eigenen Leib erfahren. Er selbst hatte sich schon „zu 1000 Prozent“ mit dem Abschied abgefunden, als die Bosse um Sportvorstand Max Eberl und Christoph Freund ihn von einem Verbleib überzeugen wollten. Die Gespräche waren intensiv, führten aber zu keinem Ergebnis. So bleibt am Ende beim Coach neben „Traurigkeit“ auch Unverständnis. Tuchel sagte: „Wieso es passieren musste, wieso die (Entscheidung/d.Red.) im Februar getroffen wurde, war mir nicht klar.“

Damals war Sportdirektor Freund außen vor, Eberl noch gar nicht im Club. Die Meinung der Vereinsgranden aber hat sich nicht geändert. Sowohl in der Gunst von Karl-Heinz Rummenigge als auch in jener von Uli Hoeneß ist Tuchel in der laufenden Saison gesunken, die Gründe dafür sind vielschichtig. Tuchel kennt sie, sieht sich und sein Trainerteam aber im „Recht, mit erhobenem Kopf aus den 15 Monaten zu gehen. Es gibt keinen Grund, dass wir durch die Hintertür rausgehen müssen“, sagte er, konnte sich eine letzte Spitze gegen Hoeneß aber nicht verkneifen. Angesprochen auf die EM-Nominierung von Aleksandar Pavlovic sagte er mit Blick auf den Vorwurf des Ehrenpräsidenten, Tuchel würde die Jugendarbeit vernachlässigen, süffisant: „Die einen sagen so, die anderen sagen so.“

Damit wird sich ab Samstag ein anderer beschäftigen (müssen). Wer? Gute Frage! Die Liste umfasst weiterhin Namen wie Roberto de Zerbi, Erik ten Hag, Hansi Flick und Louis van Gaal. Oder anders gesagt: Kandidat F, G, H und I. HANNA RAIF PHILIPP KESSLER

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