Keine weltmeisterlichen Gefühle: Helmut Kremers (2. v.l., r. Wimmer und Kapellmann) hatte einen Tribünenplatz. © Imago
Vom Bundestrainer keine Hilfe: Helmut Schön schwieg zur Sperre für Erwin Kremers. © Imago
Die Erfolgs-Zwillinge: Helmut und Erwin gewannen mit Schalke und Offenbach den DFB-Pokal. © Imago
Auf Schalke immer noch eine Nummer: Erwin (l.) und Helmut Kremers, die Stars der 70er-Jahre. © Imago
Gemeinsam für Deutschland: Dreimal standen Helmut (l.) und Erwin Kremers gemeinsam in der deutschen Nationalmannschaft auf dem Platz. © Imago
Letzter Bundesligaspieltag 1974 vor der Weltmeisterschaft, Schalke spielt in Kaiserslautern. Die Partie ist gelaufen, 0:4 liegen die Königsblauen hinten. Doch es passiert noch was in der 85. Minute: Erwin Kremers, Schalkes Nationalspieler und ein sicherer WM-Fahrer, handelt sich für eine Schiedsrichterbeleidigung eine Rote Karte ein. Das kostet ihn die WM-Teilnahme und einen Lebenstraum. Eine Einmaligkeit in der deutschen Fußballgeschichte, über die wir mit Erwin Kremers, heute 75, und seinem Zwillingsbruder Helmut, der dem WM-Kader angehörte, sprachen.
Erwin Kremers, aus Ihrer Sicht: Was passierte damals in Kaiserslautern?
Wenn Sie mal in Kaiserslautern Fußball gespielt hätten, wäre Ihnen das vielleicht auch passiert. Da wirst du von der ersten bis zur letzten Minute getreten ohne Ende. Die Schiedsrichter waren noch nicht so gut wie heute. Man kann sagen: alles Heimschiedsrichter. Nach einem Foul an mir hat der Schiedsrichter Freistoß für Kaiserslautern gegeben, und da sind mir im wahrsten Sinne des Wortes die Sicherungen durchgebrannt. Ich habe den Schiesdrichter wirklich beleidigt, das ist richtig, aber es war mir nicht bewusst, was es zu bedeuten hat – wir waren ja mehr Amateure als Profis. Und dass der DFB da solche Maßnahmen trifft, wusste überhaupt keiner von uns.
Schiedsrichter Max Klauser hat ja versucht, Sie noch auf den Pfad der Tugend zurückzuführen und nachgefragt, ob er sich verhört habe…
Wenn ich auf hundert war, hätte das keiner geschafft. Nur mein Zwillingsbruder.
Helmut Kremers: Wenn ich dabei gewesen wäre, ich hätte ihn zurückgezogen und gesagt: „Schluss, Ende.“ Nur: Ich war verletzt und saß auf der Tribüne.
Haben Sie bemerkt, was sich da anbahnte?
Helmut: Ja, denn ich kenne meinen Zwillingsbruder sehr gut und wusste, was auf uns zukommt. Mit mir wäre das nicht passiert.
Erwin: Schwacher Trost (lacht).
Sie sind vom Naturell unterschiedlich. Erwin hat als Stürmer mehr Karten gesehen als Helmut, der Verteidiger.
Helmut: Ich war ein sehr fairer Spieler, habe wenige Gelbe Karten und nie eine Rote bekommen.
Erwin: Ich bin ein absoluter Gerechtigkeitsfanatiker, immer noch, und wenn mir etwas gegen die Hutschnur geht, dann muss ich was dazu sagen. Diesbezüglich habe ich nichts dazugelernt.
Wie schnell wurde klar, dass der Platzverweis das Aus für die WM bedeutet?
Erwin: Das wurde schon am Abend im Sportstudio bekannt gegeben. Das war eine Nachricht, da hat es mich geschüttelt.
Man wollte Sie sogar monatelang, bis Oktober, sperren. Es gab eine Sportgerichtsverhandlung.
Erwin: War ich dabei. Katastrophe. Da bin ich froh, dass ich ohne Todesurteil rausgekommen. Ich wurde so angegangen: „Das macht man nicht. Vorbild muss man sein für die Jugend.“ Mir hatte man gesagt, ich solle gar nichts sagen, doch ich konnte mir das nicht anhören, ohne meine Meinung kundzutun. Ich habe gefragt, ob die Leistung des Schiedsrichters auch mal zur Diskussion stehen würde. Davon wollte aber niemand etwas missen.
Hat der DFB sich nach Kaiserslautern mal offiziell gemeldet und die Nicht-Nominierung für die WM mitgeteilt?
Erwin: Da meldet sich keiner, da erfährst du nichts.
Hat Bundestrainer Helmut Schön sich eingeschaltet, um Ihren Platz zu retten?
Erwin: Null. Aber es war damals auch so, dass der DFB-Präsident so etwas Ähnliches war wie der Papst. Unfehlbar.
Und dann, als das Unheil feststand?
Erwin: Ich habe mir ein Motorboot gekauft und lange Urlaub an der Costa Brava gemacht. Ohne meinen Zwillingsbruder, der auch Boot fahren konnte und den ich gebraucht hätte, um Wasserski zu laufen. Die Spiele habe ich mir im Fernsehen angeguckt, nicht live – aber es hat schon weh getan. Ich wäre ganz klar dabei gewesen und hätte auch ganz klar gespielt.
Helmut, was mussten Sie als Bruder und engster Vertrauter in diesen Tagen leisten?
Helmut: Für mich war es ein gutes Zeichen, dass er die Klamotten gepackt hat. an die Costa Brava gefahren ist und sich entspannen konnte. Auf der anderen Seite tut so etwas ja weh, das kann man sich gar nicht vorstellen. Man spielt für sein Leben gerne Fußball und will Erfolg haben – wenn dann so etwas passiert, das ist unfassbar.
Ihre Position im WM-Team, Erwin, ging dann an Bernd Hölzenbein.
Erwin: Wir haben dem Bernd dann schon mal mitgeteilt, dass da finanziell etwas rüberkommen könnte, eine kleine Apanage, denn durch mich ist er zur WM gekommen. Aber davon wollte er nichts wissen. Ein toller Mensch, aber sparsam.
Helmut, gab es bei Ihnen die Überlegung, auf den WM-Platz zu verzichten?
Helmut: Ich war ja auch eingeladen und hatte die Einladung angenommen. Aber die WM war für mich nicht so toll. Auf der linken Abwehrseite spielte Paul Breitner, das hätte ich auch spielen können. Ich hätte Libero spielen können, aber das war Franz Beckenbauer. Die Defensive war ja ganz gut bei uns. Ich hätte sehr gerne mal gespielt und das auch gut gemacht, davon bin ich überzeugt – aber keine Chance. Die Nationalmannschaft hatte viele Bayern und viele Gladbacher, für einen Schalker war es da nicht einfach. Von Schalke kam neben mir nur noch Norbert Nigbur als Ersatztorwart Wir haben uns nicht richtig wohlgefühlt.
Erwin: Man darf den Helmut bis heute nicht als Weltmeister ansprechen, da wird er böse.
Helmut: Das hört sich doof an – aber mit der Fußball-Weltmeisterschaft hatte ich nichts zu tun gehabt. Ich war genauso Zuschauer oder Fan, das war‘s denn für mich. Klar habe ich mich über die Weltmeisterschaft gefreut, aber wenn man vier bis sechs Wochen eingesperrt war, ist das nicht so angenehm. Der Franz Beckenbauer hat mal versucht, uns irgendwo unterzubringen, wo es spaßig sein sollte. Doch was hat man gebucht? Legoland! Ich bin gar nicht aus dem Bus gestiegen.
Einwechselspieler in einem Turnier bezeichnet man seit Brasilien 2014 mittlerweile als Spezialkräfte.
Helmut:(lacht)
Aufgabe der wenig oder nicht eingesetzten Spieler sei es, die Stammkräfte in Form zu halten und im Training Druck auf sie auszuüben.
Helmut: (lacht abermals)
Sind das also nur beschönigende Worte?
Helmut: Auf diese Ideen wäre ich nicht gekommen. Heutzutage ist man dann auch als Kofferträger Weltmeister. Aber es ist in Ordnung: Die Leute freuen sich mit, denn sie haben auch daran gearbeitet.
Wie heiß waren eigentlich die Prämienverhandlungen in Malente? Stand der deutsche Kader wenige Tage vor WM-Beginn tatsächlich vor der Abreise?
Helmut: Das war wirklich kurios, und es spielte auch Alkohol eine Rolle. Es ging darum, welche Prämie wir bekommen, wir konnten uns nicht einigen mit dem DFB. Helmut Schön war so stinkesauer, er hat den Saal verlassen und ist aufs Zimmer gegangen. Es wurde abgestimmt: Wer ist dafür hierzubleiben und wer dafür, die WM nicht zu spielen? Wir waren 22 Spieler, und es stand 11:11. Ich weiß bis heute nicht, wer umgekippt ist.
Sie waren fürs Bleiben?
Helmut: Ich wäre abgereist.
Konnten Sie beide während der WM Kontakt halten? Es war ja weit vor dem Zeitalter der unkomplizierten Kommunikation.
Helmut: Man musste in Malente einen Fußmarsch unternehmen zum Telefon. Zu solch einem Gerät mit Wählscheibe. Wir sprachen täglich.
Erwin: Wir tun das auch heute noch. Aber das Gespräch dauert oft nur fünf Sekunden. Das höre ich an der Stimme und daran, wie er antwortet, um herauszufinden, ob es ihm gut geht.
Erwin, Sie sind nach der Roten Karte und der Sperre für die WM nie mehr in der Nationalmannschaft aufgetaucht. Machten Sie Schluss, der Verband? Oder lief es einfach aus?
Erwin: Es war typisch DFB, das kann man sagen. Und viel hat sich auch nicht verbessert im Verband, wenn man auf spätere Entscheidungen blickt. Selbst der Franz Beckenbauer hat bedauert, was mir widerfuhr. Auf eine Veranstaltung sagte er mal: ,Erwin, mit dir wären wir auch Weltmeister geworden.‘ Das war das schönste Kompliment für mich. Ich konnte wieder nachts schlafen.
Sind Sie resilienter geworden durch das, was Sie vor fünfzig Jahren erlebt haben?
Erwin: Ich war innerlich so aufgebracht, ich habe das erst in den letzten Jahren abgelegt und bin ruhiger geworden – und so lange ist das noch gar nicht her.
INTERVIEW: GÜNTER KLEIN