ZUM TAGE

Leverkusen wie Beethoven

von Redaktion

Triple in Reichweite

Was macht das Gewinnen eigentlich mit ewigen Verlierern? Diese Frage sei erlaubt, jetzt, da die Fußballer von Bayer 04 Leverkusen im Laufe dieser Woche das Triple aus Deutscher Meisterschaft, Europa League und DFB-Pokal klarmachen können (und wer würde daran zweifeln). Vor einem Vierteljahrhundert haben sich die Leverkusener Kicker einen Ruf erworben, den sie seitdem nicht mehr losgeworden sind. Ständig sind sie Zweiter geworden, verspielten dabei beste Ausgangspositionen, Favoritenrollen, Vorsprünge, und plötzlich waren sie Vizekusen beziehungsweise, auf Englisch, Neverkusen. Die eben, die es nie schaffen.

Was natürlich unfair ist, immer schon war. Perspektivische Verzerrung: Diejenigen, die am knappsten scheitern, sehen aus wie die größten Verlierer, obwohl sie eigentlich die kleinsten sind. In der direkten Nähe des strahlenden Siegers ist der Schatten am stärksten, in dem all die Nichtsieger stehen. Und er hält sich, als Dauerschatten, bis zum ersten großen Erfolg.

Nun treten die Leverkusener sehr entschieden hinaus aus diesem Schatten, man hätte das ja nicht für möglich gehalten. Womöglich hilft ihnen sogar ihre Vergangenheit des Scheiterns. Sie haben ja in dieser Saison noch kein einziges Spiel verloren, haben derart oft in letzter und allerletzter Minute noch ein Tor geschossen und die Niederlage abgewendet, dass sich all ihre Misserfolge darin zu spiegeln scheinen.

Das Scheitern verkehrt sich mitunter ins Gegenteil. Bayer Leverkusen ist da wie Ludwig van Beethoven, der mit der Geige so untalentiert daherkam, dass sein Lehrer ihn für einen hoffnungslosen Fall hielt. Wie der nie gewählte Winston Churchill, der spät im Leben als Premierminister zum bedeutendsten britischen Politiker aufstieg. Oder wie Walt Disney, der x-mal rausgeschmissen wurde und pleiteging, bevor er Micky Maus erfand.

Das ist der Leverkusener Micky-Maus-Moment. Die Woche, in der sich alles dreht. Oder nicht? Sollte die Mannschaft des sagenhaften Trainers Xabi Alonso das europäische Finale gegen die gewitzten Italiener von Atalanta Bergamo verlieren, sollten sie überdies aus irgendeinem wundersamen Grund auch drei Tage später im deutschen Pokalfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern zu kurz kommen, dann, sind wir mal ehrlich, hätte sich zwar alles gedreht, aber um 360 Grad. Dann wäre Bayer Leverkusen trotz erstem Meistertitel eben doch wieder der große Verlierer.

Artikel 1 von 11