Schrieb Fußball-Geschichte: Karl-Heinz Schnellinger. © Imago
Manche Sätze wird man sein Leben lang nicht mehr los. Bei Karl-Heinz Schnellinger waren es sogar nur zwei Wörter. „Ausgerechnet Schnellinger, werden die Italiener sagen“, kommentierte ARD-Reporter Ernst Huberty im WM-Halbfinale 1970 gegen Italien die Grätsche zum 1:1, mit der der Linksverteidiger in der 91. Minute das DFB-Team in die Verlängerung rettete. Und Huberty schob fassungslos noch einmal hinterher: „Ausgerechnet Schnellinger.“
Zum Ende des Jahrhundertspiels in Mexiko-Stadt stand es dann doch 4:3 für Italien, wo Schnellinger damals schon sein Geld verdiente. Dort ist der gebürtige Rheinländer – aus Düren, halbe Strecke zwischen Aachen und Köln – auch geblieben. Bis zuletzt lebte er in der Nähe von Mailand. Kurz nach seinem 85. Geburtstag ist er dort nun auch gestorben.
Allein schon dieses Tores wegen gehörte Schnellinger zu den Legenden des deutschen Fußballs. Zudem war „Carlo il Biondo“ („Der blonde Karl“) oder „Carlo Martello“ („Karl, der Hammer“), wie er in Italien hieß, bis heute einer der erfolgreichsten deutschen Auslandsprofis. Aber das Leben in der Ferne brachte es mit sich, dass man ihn zu Hause weniger zur Kenntnis nahm als andere. „Mir kommt es immer so vor, als ob ich in Deutschland Ausländer bin – und in Italien auch“, sagte er vor wenigen Wochen in seinem letzten Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Aber das ist in Ordnung so.“ Mit den Mitspielern von damals hatte er keinen Kontakt mehr. Auch bei der Beerdigung von Franz Beckenbauer war er nicht dabei. Von den 13 Männern, die damals auf dem Platz standen, leben jetzt noch sechs.
Mit seinen Vereinsmannschaften heimste Schnellinger kräftig Titel ein: Im letzten Jahr vor der Bundesliga, 1962, wurde er Meister mit dem 1. FC Köln, der sich jetzt gerade wieder einmal in die Zweite Liga verabschieden musste. Anschließend, mit 24 Jahren erst, wechselte er nach Italien – zunächst zur AC Mantua, dann zur AS Rom und schließlich zur AC Mailand. „Wegen der Sonne, aber auch wegen der Lebensfreude“, sagte er später einmal. Und wegen des Geldes wohl auch: Damals bezahlte man jenseits der Alpen deutlich besser als in der Bundesliga.
Mit den Rot-Schwarzen wurde er dreimal italienischer Pokalsieger, einmal Meister, zweimal holte er den Europapokal der Pokalsieger und einmal die Trophäe der Landesmeister. Die „Gazzetta dello Sport“, Italiens größte Sportzeitung, nannte Schnellinger in ihrem Nachruf den „italienischsten Deutschen in unserem Fußball“. „Er hatte ein rubinrotes Gesicht, zwei riesige Oberschenkel, wie ein Gewichtheber. Aber er bewegte sich mit einer erstaunlichen Gewandtheit in den Beinen.“ Nach Deutschland kam er in den letzten Jahren nur noch selten. „Zuletzt war ich vor ein oder zwei Jahren da. Ich kenne da kaum noch jemand“, berichtete er im letzten Gespräch.
DPA