Natürlich hat Tadej Pogacar auch den letzten großen Akt am Samstag zu einer weiteren Demonstration seiner Macht genutzt. Mit einer sehenswerten Alleinfahrt machte er seinen sechsten Etappensieg bei diesem Giro d`Italia klar. Mit satten zehn Minuten Vorsprung fuhr er am Sonntag in Rom über den Zielstrich. Klar, der Slowene war vor drei Wochen als der große Favorit ins Rennen gegangen. Doch die Art, wie er seiner Ausnahmestellung gerecht wurde, lässt auch für das noch größere Highlight nichts Gutes erahnen.
In knapp einem Monat rollt der Radzirkus durch Frankreich. Und ganz egal, wer sich bei der Tour Hoffnungen macht. Ob Remco Evenepoel, Primoz Roglic oder vielleicht doch noch Jonas Vingegaard – sie alle wissen nun: der Weg nach Paris führt vor allem an Tadej Pogacar vorbei.
Aber es ist ja gar nicht so, dass die Rundfahrt durch Italien nicht auch andere positive Botschaften abseits des Mannes mit sich gebracht hat, der als erster Profi seit Marco Pantani 1998 den Doppelschlag aus Giro und Tour schaffen könnte. Auch für die Deutschen. In bester Erinnerung blieb dabei natürlich Jan-Ullrich-Neffe Georg Steinhauser mit seiner Solofahrt auf den Passo Broncon, mit der er zumindest dieses eine Mal sogar Pogacar auf dessen Terrain die Show stahl. Nicht zu vergessen Simon Geschke, der Rom im Dunstkreis der Großen als Gesamt-14. erreichte. Die Botschaft: Der deutsche Radsport hat vor allem nach dem Horrorsturz von Lennard Kämna im Frühjahr vielleicht nicht die aussichtsreichen Klassementfahrer zu bieten. Aber klar ist: für individuelle Highlight sind die Fahrer in Schwarz-Rot-Gold allemal gut.
Und der beste deutsche Rennstall? Kann sich sogar als einer der Gewinner dieses Giro d‘ Italia fühlen. Bora-hansgrohe war mit der leisen Hoffnung angetreten, beim Testlauf für die Tour zumindest die Top-5 anzugreifen. Am Ende sprang zwei Jahre nach dem Coup von Jai Hindley sogar das nächste Podium heraus. Der kolumbianische Kletterer Daniel Felipe Martinez war als Geaamt-Zweiter sozusagen der „best of the rest“.
Tadej Pogacar wird dafür wenig Blick gehabt haben. Der gerade 25-Jährige Slowene hat seit dem Start in Turin alles dem Ziel untergeordnet, in diesem Jahr in die Kategorie der Legenden wie Eddy Merckx aufzusteigen. Die Siege bei Strade Bianche, Katalonien-Rundfahrt und Lüttich-Bastogne-Lüttich waren noch eher ein Vorprogramm. Der Ritterschlag soll mit dem superschweren „Doppel“ aus Giro d`Italia und Tour de France folgen.
Die Hälfte hat Pogacar nun in Italien schon in seine Tasche gebracht. Verbunden mit der Erkenntnis, dass er dem „Kannibalen“ Merckx nun sogar schon etwas voraushat. Denn sechs Etappensiege holte der legendäre Belgier bei seinen fünf Gesamtsiegen in Italien nie. Patrick.Reichelt@ovb.net