SERIE: DIE UNERZÄHLTEN UND VERGESSENEN GESCHICHTEN DER FUSSBALL-WELTMEISTERSCHAFT 1974 (FOLGE 5)

Ein Balljunge machte Weltkarriere

von Redaktion

Pierre Littbarski erlebte die WM als Berliner Steppke aus besonderer Perspektive

Littbarski kritisierte Vogts – aber nicht mehr, als er 2001 sein Assistent in Leverkusen war. © Imago

Das Spiel, das Littbarski von hinter der Eckfahne aus erlebte: DDR (Kapitän Bernd Bransch, l.) gegen Chile (mit Francisco Valdes). © Iamgo

Vogts gegen Cruyff vor der Arena in Amsterdam. © Imago

Kunst erklärt auf der zugehörigen Tafel. © Imago

Höhepunkt eines Kinderfußballlebens: Die WM benötigte Balljungen – hier präsentieren sich vor der Eröffnung des Turniers die für die Spiele in München ausgewählten Nachwuchskicker. © Imago

Pierre Littbarski ist einer der größten deutschen Fußballer, die es gegeben hat. Vizeweltmeister 1982 und 86, Weltmeister 1990. „Litti“ war einer, der technisch und spielerisch begeisterte, als bei den Mitspielern vor allem die „deutschen Tugenden“ angesagt waren. Pierre Littbarskis persönliche WM-Geschichte beginnt aber schon 1974. Da war er 14, ein Berliner Steppke – und Balljunge, als im Olympiastadion Chile und die DDR aufeinander trafen.

Pierre Littbarski, haben Sie denn noch Erinnerungen an Ihren Auftritt als Balljunge?

Das war eine Auszeichnung des Berliner Fußball-Verbandes für die besten Nachwuchsfußballer, und ich war zum ersten Mal in einem so großen Stadion. Ich hatte schon als Kind von fünf Jahren die Vorstellung und das Ziel, einmal Fußballprofi zu werden – und da war es das Höchste, bei der WM in Deutschland als Balljunge dabei zu sein. Durch das Dransein konnte ich an diesem Profidasein schnuppern. Ich stand von der Tribüne aus gesehen rechts auf der hinteren Seite an der Eckfahne. Es war noch nicht so ein schnelles Ballsystem wie heute, wo es keine langen Unterbrechungen gibt, der Ball rollte in meine Richtung, ich habe ihn aufgehoben und DDR-Torwart Jürgen Croy gegeben. Das war für mich der Moment gewesen, das größte Erlebnis.

Waren Sie der einzige Spieler aus Ihrer Jugendmannschaft, der ausgewählt wurde?

Nein, da durfte die ganze Mannschaft hin. Wir waren der VfL Schöneberg.

Balljunge, das war vor 50 Jahren noch eine ganz andere Aufgabe: Es gab nur einen Spielball.

Daher mussten wir Balljungen sehr schnell sein. Und wir mussten weite Wege gehen im sehr auslandenden Olympiastadion. Das war sehr anstrengend.

Ihre Ballkontakte haben Sie aber nicht gezählt?

Mit Statistik hatte man es damals noch nicht so.

Welchen Blick hatten Sie als ambitionierter 14-jähriger Nachwuchsfußballer auf die WM?

Ich weiß noch, dass Johan Cruyff mein absoluter Lieblingsspieler war und ich dadurch im Finale in die Zwickmühle geriet, weil ich natürlich unbedingt wollte, dass die Deutschen die Weltmeisterschaft gewinnen – doch ebenso hoffte ich auf eine tolle Leistung von Johan Cruyff bei den Holländern. Jahre später, als ich U21-Nationalspieler war und Berti Vogts dort mein Trainer, habe ich ihm vorgeworfen, dass er Cruyff gefoult hat.

War das nicht Uli Hoeneß, der gleich in der Anfangsminute und ohne dass die Deutschen den Ball berührt hatten an Cruyff den Foulelfmeter für die Niederlande verursachte?

Das weiß ich, dass Hoeneß das war mit der Grätsche an der Sechzehner-Linie – aber der Berti Vogts hat den Johan Cruyff permanent bearbeitet. Und das hat mich ein bisschen geärgert.

In Berlin fanden 1974 lediglich drei Vorrundenspiele statt: die deutsche Eröffnung gegen Chile (1:0), das Match Chile – DDR (1:1) unter Ihrer Mitwirkung als Balljunge, und Australien – Chile (0:0). Westberlin hatte einen komplizierten Status, es war eine Enklave im Osten, abgeschnitten von der Bundesrepublik. Wie haben Sie als Kind das alles wahrgenommen?

Uneingeschränkt frei habe ich mich nicht gefühlt. Aber für uns in Berlin war es etwas Ungewöhnliches, dass die deutsche Nationalmannschaft bei uns gespielt hat, denn wir waren in unserer Stadt mit Fußball nicht verwöhnt.

Im Westen zumindest die Hertha.

Schon. Aber wir hatten nicht die Möglichkeit wie im Ruhrgebiet oder in Süddeutschland mit mehreren Clubs.

Im Osten, so sagt man, sei immer neidisch-ehrfürchtig auf den Fußball im Westen geblickt worden, besonders über die ARD-Sportschau. Gab es auch die entgegengesetzte Perspektive?

Also, bei mir gab es sie. Ich habe mich im DDR-Fußball ganz gut ausgekannt. Denn wir konnten DDR1 empfangen, und da kam am Samstag um 17.30 Uhr immer die DDR-Oberliga.

Hatten Sie auch Sympathien für die DDR-Nationalmannschaft bei dieser WM?

Ja, denn man macht das an den Spielern fest, und zur 74er-Zeit hatten die ein paar ganz tolle Kicker.

Acht Jahre nach Ihrem Balljungen-Einsatz waren Sie dann selbst WM-Spieler. Mussten Sie sich zwicken, so schnell wie das ging?

Nein, Außenstehende können das nicht einschätzen. Die glauben immer, man habe Zeit, sein Leben Revue passieren zu lassen. Aber das Leben als Profifußballer ist so hektisch, dass man keine Gelegenheit zum Nachdenken hat. Es kommt die nächste Herausforderung, es läuft immer weiter, ich musste mich nie zwicken. Es gab nie einen Break, an dem ich durchpusten und das ganze Leben hätte angucken können.

Haben Sie sich später als berühmter Profi mal dabei ertappt, auf einen Balljungen besonders zu achten, weil Sie selber einer waren?

Ich schaue immer viel auf andere Leute, beachte sie, und besonders bei Jugendlichen, da merke ich, wenn einer gut Fußball spielen kann. Ja, diesen Blick für fußballerisches Können hatte ich immer.

INTERVIEW: GÜNTER KLEIN

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